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Der Himmel über Italien
Heaven von Tom Tykwer

Lola rennt
war ein typischer "Ja aber"-Film. Wann immer sich mal wieder jemand dazu berufen
fühlte, zu einem grossen Lamento zur notorisch miserablen Verfassung
des deutschen Films anzusetzen, konnte er sicher sein, dass früher oder später der
Zwischenruf ertönen würde: "Ja aber was ist mit Lola rennt?" Tom Tykwers
Überraschungserfolg hatte tatsächlich alle Qualitäten, die der deutsche Film
sonst meist so sträflich vermissen lässt: er war jung, schnell, frech,
witzig, geistreich und formal brillant. Entsprechend gross waren die Erwartungen
an den mit sehr viel mehr Aufwand produzierten und vermarkteten Der Krieger und die Kaiserin.
In diesem Film wurde aber plötzlich offenbar, was vorher nur jene kleine Schar von
Kinogängern wusste, die Tykwers früheres Werk kannte: Lola rennt
war mitnichten ein ironisches Spiel um Schicksal und Zufall. Dem Regisseur war es
mit seiner Botschaft, dass nichts zufällig geschieht und alles –
besonders die Liebe – einem grossen Schicksalsplan folgt, todernst. Was in
Lola rennt noch mit verspieltem Witz erzählt wurde, bekam in Krieger & Kaiserin
durch mythisch überhöhte Bilder eine quasireligiöse Komponente.

Heaven, Tykwers jüngster Film, basiert auf einem nichtrealisierten Drehbuch des verstorbenen Krzysztof Kieslowski,
seines Zeichens auch Experte für Zufälle und seltsame Begebenheiten
aller Art. Blasphemie oder das Zusammentreffen zweier verwandter Seelen?
Die Cineastengemeinde war beunruhigt. Für Tykwer war es auf jeden Fall
der Aufstieg in das internationale Kino: gedreht wurde in Italien, als ausführende
Produzenten fungierten unter anderem so illustre Köpfe wie Harvey Weinstein und Sydney Pollack, und Hauptdarstellerin war die Britin Cate Blanchett.

Nachdem Tykwer in seinen früheren Film unter anderem Berlin, Wuppertal
und die alpine Bergwelt auf Zelluloid gebannt hatte, fror es ihn in seinem
jüngsten Film in guter deutscher Tradition nach dem Süden. Erster
Schauplatz der Handlung ist Turin. In ihrer Verzweiflung ob der Untätigkeit
der tief korrupten Polizei nimmt die Lehrerin Philippa das Gesetz selbst
in die Hand und sprengt einen besonders fiesen Chef des örtlichen Drogenkartells
in die Luft. Das heisst, sie versucht es, denn natürlich will es der
Zufall anders, und vier unschuldige Menschen – darunter zwei Kinder – fallen
ihrer Bombe zum Opfer. Als sie kurz darauf festgenommen wird, scheint ihre
Lage hoffnungslos, denn von ihren früheren Versuchen, an die Justiz
zu gelangen, will auf der Polizeistation niemand etwas gehört haben.
Doch zum Glück gibt es den jungen Carabiniere Filippo (Giovanni Ribisi),
einen Menschen mit reinem Herzen, der sich ihrer erbarmt. Sein Herz entflammt
in bedingungsloser Liebe für sie, und ehe sich’s der Zuschauer und die
italienische Polizei versieht, sind die beiden schon auf der Flucht.

Die Idee „Liebende auf der Flucht“ als Ausgangsbasis für einen Film
zu nehmen, wäre nicht uninteressant; besonders da es sich bei Filippa
ja für einmal nicht um eine unschuldig Beschuldigte handelt. Doch für
die moralischen Konflikte, in die sich seine Protagonisten begeben, interessiert
sich der Film herzlich wenig. Tykwer will keine Gewissenskonflikte ausloten, und ein spannender
Thriller ist seine Sache schon gar nicht. Sein Thema ist die Liebe,
die bedingungslose, alles überragende Liebe, die himmlische, jegliche irdischen
Massstäbe sprengende Liebe zwischen Filippo und Philippa. Denn
dass sich die beiden lieben, weiss der Film schon, bevor sie es selbst wissen.
Sie gehören einfach zusammen, und sei es nur, weil es das Schicksal
– oder vielleicht auch nur der Regisseur – so will. Und da sich diese Vorbestimmung
nur sehr begrenzt aus der Geschichte selbst ableiten lässt, müssen
auch hier wieder ein paar gesalzene Zufälle nachhelfen. So heissen die
Fliehenden nicht nur gleich, sie haben auch am selben Tag Geburtstag, tragen
im letzten Filmdrittel die gleiche Büsser-Kahlfrisur und sind fast identisch
gekleidet. Damit auch jedem klar wird: diese beiden sind vom grossen Drehbuchautor
Schicksal für einander bestimmt worden!

Präsentiert wird das Ganze in wahrhaft erlesen Bildern. Tykwer, inzwischen
offensichtlich auch Mitglied der Toscana-Fraktion, lässt die Leinwand
in goldenem Licht erstrahlen. In dem südlichen Paradies, in dem schon
so mancher deutscher Spitzenpolitker zu sich selbst gefunden hat, erkennen
sich auch Philippa und Filippo, und dies ganz im biblischen Sinne. Doch ihre
erste Liebesnacht, die sich sinnigerweise unter einem grossen Baum vollzieht,
ist kein zweiter Sündenfall, ganz im Gegenteil: als die beiden am nächsten
Morgen aufwachen, sind sie endgültig zu Engeln geworden und entschweben
aller irdischer Unbill in transzendete Sphären. Ein himmlisch schlechter
Film.

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