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Deconstructing Harry von Woody Allen

Seit Jahren macht Woody
Allen
im Grunde immer das Gleiche: Er führt uns im Kino seine
ureigensten Neurosen vor. Mit einer eingespielten technischen Crew und
einem Grossaufgebot an Stars betreibt er Selbstanalyse vor einem Millionenpublikum.
Mal ist das witzig, mal nicht, mal böse, mal leicht beschwingt, das
Thema ist aber immer das gleiche. Sein neuster Film, in dem er wie so oft
Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion ist, unterscheidet
sich da nicht von seinen Vorgängern und ist doch etwas Neues. In Deconstructing
Harry
macht Allen genau diesen Prozess, das Verarbeiten des Privatlebens
zu Kunst, zum Thema.

Woody Allen ist Harry Block, der wiederum Woody Allen ist, ein erfolgreicher
Schriftsteller, dem alles aus den Fugen gerät. Seine Bücher sind
zwar bei Publikum und Kritik gleichermassen ein Erfolg, nur eitel Freude
bereiten sie ihm deshalb aber nicht. Harry hat nämlich die Angewohnheit,
sein Privatleben ziemlich unverhüllt in seine Geschichten zu verarbeiten.
An Material mangelt es ihm da nicht:  drei Scheidungen, diverse Affären
und unzählige kurze Abenteuer mit Prostituierten haben aus Harry einen pillensüchtigen
geilen Bock gemacht. Die Betroffenen sind von dieser Art der Vergangenheitsbewältigung
natürlich alles andere als angetan. Solange es aber wenigstens an
der Schreibmaschine klappt, ist Harry das recht egal, doch zu allem Übel
leidet er an einer Schreibblockade. Als er erfährt, dass seine alte
Schule ihn ehren will, dreht er vollkommen durch, denn er hat niemanden,
der ihn begleiten will. Zwei, drei Kurzschlussreaktionen später, findet
er sich gemeinsam mit einer Hure, einem herzkranken Bekannten und seinem
Sohn, den er kurzerhand auf dem Schulweg gekidnappt hat, auf dem zu seiner
Feier.

Deconstructing Harry, der Name ist hier Programm, denn anders
als dekonstruktivistisch lässt sich der Aufbau des Filmes nicht bezeichnen.
Allen mischt die eigentliche Handlung, Rückblenden und die (fiktiven)
Geschichten Harrys gekonnt mit- und durcheinander. Die Folge ist, dass
jede Figur mehrfach vertreten ist. Harry hat mehrere literarische Alter
Egos, dasselbe gilt für sein Umfeld, deren Charaktereigenschaften
er gegebenenfalls auch wild miteinander mischt. Ist Harrys Schwester in
Wirklichkeit (das heisst im Film) eine gläubige Jüdin und
eine seiner Exfrauen eine Psychologin, so wird daraus im Buch eine Psychologin,
die plötzlich ihre jüdischen Wurzeln entdeckt. Die verschiedenen
Ebenen des Filmes sind dabei nicht immer sauber voneinander getrennt, mitunter
taucht auch eine von Harrys Kunstfiguren im realen Filmgeschehen auf und
unterhält sich mit ihrem Schöpfer. Und zum Schluss, als Harry,
von allen verlassen, wegen Kindesentführung im Gefängnis sitzt,
sehen wir ihn plötzlich an der Ehrenfeier in der Universität.
Im Publikum sitzen seine Romanfiguren und jubeln ihm begeistert zu. Die
letzten Freunde, die Harry noch hat, sind seine eigenen Geschöpfe.

Dieser Film wäre auch bei jedem anderen Filmemacher ein äusserst
interessantes Experiment gewesen, doch bei Allen ist er ein eigentlicher
Geniestreich. Als Kinozuschauer weiss man, dass die Unterschiede zwischen
Woody Allen und Harry Block vor allem kosmetischer Natur sind, und zu jeder
Filmfigur würde sich wahrscheinlich ein Gegenstück in Allens
Leben finden. Mit Deconstructing Harry legt Allen sein künstlerisches
Schaffensprinzip dar, zeigt uns, dass er nur dank seiner Filme seine inneren
Dämonen bekämpfen kann. Zugleich dankt er seinem Publikum dafür,
dass es ihm ermöglicht, stets neue Filme zu drehen.

Trotz der ingeniösen Idee und der virtuos gehandhabten Erzählweise,
lässt Deconstructing Harry den Zuschauer mit einem seltsamen, etwas
leeren Gefühl zurück. Durch die ständige Vermischung zwischen
Realität und Fiktion erreicht Allen nicht etwa ironische Distanz,
ganz im Gegenteil wirkt der Film ungewohnt intim, der Zuschauer sieht sich
als Voyeur entlarvt. Deconstructing Harry ist nur selten wirklich witzig,
meistens verweigert er dem Zuschauer das befreiende Lachen und ist boshaft
und rabenschwarz. Auch sonst geht Allen ungewöhnlich deutlich zur
Sache, da wird gefickt, geblasen und gerammelt, was das Zeug hält,
schöngeredet wird nichts.

Formal wollte Allen ebenfalls dem dekonstruktivistischen Prinzip des
Filmes folgen, manche Szenen werden durch schnelle Folgen harter Schnitte
regelrecht zerhackt. Diese Idee ist aber nur halbherzig durchgezogen, sie
kommt nur in ein paar wenigen quer über den Film verstreuten Szenen
zum Einsatz. Von einer Steigerung, die parallel zur Handlung verläuft,
und zum Schluss in einer vollkommenen Auflösung der narrativen Struktur
enden müsste, kann schon gar nicht die Rede sein. Die im Grunde gute
Idee war Allen wahrscheinlich doch zu radikal. Hätte er sie 
konsequenter durchgezogen, wäre der Film vollkommen unverständlich
geworden. Was so bleibt ist ein faszinierender Film über die Motivationen
eines Künstlers und ein Muss für alle Woody Allen-Fans.

Deconstructing Harry in der Internet Movie Database

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