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Der Plot-Pointer: Das Ende des Happy Ends

Nur wenige Hollywoodkonventionen scheinen so unerschütterlich wie die des Happy Ends. Natürlich endet auch in der Traumfabrik nicht jeder Film mit einem siegreichen Helden, aber selbst in Rührstücken wie Love Story oder Titanic hat der tragische Schluss doch irgendwie etwas Befriedigendes. Jack ertrinkt zwar in den eisigen Meeresfluten, aber Rose hält sein Andenken hoch und wird zur starken, selbstbewussten Frau.

Dass eine Figur auf der ganzen Linie scheitert, dass man als Zuschauer_ in mit ihr am Ende vor dem Nichts steht, ohne Moral und tieferen Sinn, erleben wir allenfalls in Coen-Filmen wie A Serious Man und Inside Llewyn Davis oder in europäischen Arthouseklassikern wie Polanskis existenzialistischem Cul-de-sac, aber kaum je in Hollywoodproduktionen ab einer gewissen Grösse.

Siegreicher Bösewicht

In jüngster Zeit scheint das Hollywood- Happy-End aber auf einmal nicht mehr so sicher zu sein. Prominentestes Beispiel ist Marvels neuste Superhelden-All-Star-Produktion Avengers: Infinity War. Wie in unzähligen vorangegangenen Filmen steht nicht weniger als das halbe Universum auf dem Spiel. In diesem Fall ist das durchaus wörtlich zu nehmen: Thanos, ein Bösewicht mit schier unendlichen Kräften, will die Bevölkerung des gesamten Weltalls halbieren.

Um Thanos’ Plan zu vereiteln, treten Iron Man, Spider-Man, Black Widow, Doctor Strange und noch gut zwei Dutzend weitere Figuren an. So weit alles wie gehabt. Wir kennen den Ablauf: Am Ende, nach mehreren spektakulären Kampfszenen und unterhaltsamen Intermezzi, kommt der grosse Showdown, in dem es den Held_innen im letzten Moment gelingt, das Universum zu retten. Avengers: Infinity War unterläuft die Erwartungen allerdings, denn Thanos ist (und das ist zumindest für Zuschauer_ innen, die die Marvel-Comics nicht kennen, eine handfeste Überraschung) siegreich. Die Avengers können den intergalaktischen Genozid nicht verhindern, und der Bösewicht setzt sich zufrieden lächelnd zur Ruhe.

Das Ende Ned Starks

Mit diesem unkonventionellen Ende setzt Marvel einen Trend fort, der in Serien schon eine Weile zu beobachten ist. Bekanntestes Beispiel ist Game of Thrones. Wenn in der Verfilmung von George R. R. Martins Fantasy-Epos etwas sicher ist, dann, dass wir bei keinem Handlungsstrang das Ende voraussagen können. Praktisch jeder kann hier sterben, bei keinem Protagonisten besteht Gewissheit, dass er bis zum Ende durchhält. Ned Stark, der zu Beginn zweifellos am positivsten dargestellt wird, kommt Ende der ersten Staffel unters Fallbeil, sein Sohn Robb, der in seiner Nachfolge dem Recht zum Durchbruch verhelfen will, muss kurz vor Ende der dritten Staffel dran glauben. In einer mittlerweile legendären Szene, der sogenannten «Red Wedding», entledigt sich die Serie gleich noch eines halben Dutzends weiterer Figuren.

Der frühzeitige Abgang vermeintlicher Hauptfiguren ist in der Filmgeschichte nicht völlig neu. Bereits Alfred Hitchcock schockierte sein Publikum, als er Janet Leigh in Psycho in die Dusche von Bates Motel steigen liess. Offiziell war Leigh der Star des Films, doch ihre Figur Marion Crane verschwand bereits nach knapp einem Viertel der Laufzeit.

Und das Ende Marion Cranes

Der Mord an Marion Crane mag für das zeitgenössische Publikum ähnlich überraschend gewesen sein, wie es «Red Wedding» und das Ende von Avengers: Infinity War heute sind. Tatsächlich ist die Logik hinter dem neuen Trend zur Happy-End-Verweigerung aber eine grundsätzlich andere.

Psycho will sein Publikum primär schockieren und überraschen, bei Game of Thrones folgen die abrupten Abgänge zudem der ganz spezifischen Logik moderner Serien. Und diese ist nicht zuletzt ökonomisch getrieben: Der Erfolg einer Produktion misst sich dabei auch und gerade daran, ob sie praktisch beliebig weitergeführt werden kann. Zwar steht im Fall von Game of Thrones seit Längerem fest, dass 2019 mit der zehnten Staffel Schluss sein wird, aber die Fans so lange bei der Stange zu halten, ist keine geringe Leistung. Der Umstand, dass Handlungsstränge praktisch beliebig abgewürgt und neu lanciert werden können, erleichtert das Beinah-Endlos-Erzählen ganz entschieden.

Dass man sich bei Marvel die aktuellen Serienerfolge sehr genau angeschaut hat, ist offensichtlich. Die Filme des Marvel Cinematic Universe folgen in vielerlei Hinsicht dem Muster, das Game of Thrones und Konsorten etabliert haben. Das Ende von Avengers: Infinity War ist nichts anderes als die Kinoversion der «Red Wedding».

Allerdings spricht einiges dafür, dass Thanos nur einen Pyrrhussieg davongetragen hat. Nicht nur sind bereits mehrere Marvel-Filme mit Figuren angekündigt, die eigentlich schon das Zeitliche gesegnet haben. Vor allem sieht der mit übersinnlichen Fähigkeiten begabte Doctor Strange in einer Szene alle möglichen Zukünfte voraus und dabei auch die Variante, in der Thanos besiegt wird. Wie dieses Szenario verläuft, wissen wir nicht. Aber von diesem Moment an lässt die Gegenwehr von Doctor Strange auffallend nach. Dass Avengers: Infinity War auf ein Happy End verzichtet, bedeutet nicht, dass sich im nächsten Avengers-Film nicht doch noch alles zum Guten wenden kann.

Erschienen im Filmbulletin 3/2018.

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