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Zurück im Overlook – Doctor Sleep von Mike Flanagan

Wer nach dem unheimlichsten Horrorfilm aller Zeiten googelt, wird bei einer Liste landen, auf deren vorderen Rängen The Shining von 1980 figuriert. Stanley Kubricks Film, in dem Jack Nicholson als axtschwingender Schriftsteller Jack Torrance seine Familie durch das eingeschneite Overlook-Hotel jagt, ist als Horror-Klassiker anerkannt. Nur einer ist mit dieser Einschätzung gar nicht einverstanden, und das ist ausgerechnet Stephen King, seines Zeichens Autor der Vorlage.

Dass sich der Regisseur gegenüber dem Roman viele Freiheiten nahm, ist unbestritten. Tatsächlich stammt so gut wie keiner der ikonischen Momente des Film aus Kings Buch. Seien es die Tretauto-Fahrten des kleinen Danny Torrance durch die Korridore des Hotels, der vor Blut überquellende Fahrstuhl oder das Heckenlabyrinth, in dem Jack sein eisiges Ende findet – all das geht nicht auf King, sondern auf Kubrick und dessen Co-Autorin Diane Johnson zurück.

Böse Zungen behaupten, dass Kubrick, der Ende der 1970er Jahre dank Meilensteinen wie 2001: A Space Odyssey und A Clockwork Orange längst in seiner ganz eigenen Liga spielte, Kings Buch nur deshalb verfilmte, weil er nach dem Misserfolg seines Kostümepos Barry Lyndon auf der Suche nach einem kommerziellen Stoff war. Ob das stimmt oder nicht?

Shelley Duvall
Jacks Axt hat Spuren hinterlassen …

Das einzige Telefongespräch zwischen Autor und Regisseur machte auf jeden Fall deutlich, dass die beiden das Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten. Zu Kings Entsetzen erklärte Kubrick, dass Geistergeschichten in seinen Augen grundsätzlich optimistisch seien, da sie implizierten, dass es nach dem Tod irgendwie weitergehe. Für King der Beweis, dass dem Regisseur das grundlegende Verständnis für Horror fehlte.

Völlig falsch liegt er mit dieser Einschätzung nicht, denn ein normaler Horrorfilm ist The Shining gewiss nicht. Nicht nur fehlen die typischen Schreckmomente, die sogenannten jump scares, fast völlig; wenn der Film unheimlich wirkt, dann weniger wegen Geistern oder Jack Nicholson, der insbesondere in der zweiten Hälfte so richtig die Sau rauslässt. Viel unheimlicher sind die endlosen Flure, die zunehmend sinnlosen Zeiteinblendungen und die fehlenden Erklärungen.

Der Horror von Shining ist weniger körperlich als zerebral, und der Film eher ein surrealer Albtraum als ein Horrortrip. Sein unheimlichster Moment ist denn auch ganz unblutig. Es ist die Szene, in der Wendy Torrance am Schreibtisch ihres Mannes steht und sich anschaut, was dieser in den vergangenen Tagen so eifrig geschrieben hat – Hunderte von Schreibmaschinenseiten gefüllt mit dem immergleichen Satz.

The Shining war bei Erscheinen kein Sofort-Hit. Die Kritiken waren eher durchzogen, der Erfolg an der Kinokasse mässig. Doch wie fast bei allen Werken Kubricks setzte über die Jahre hinweg ein Umdenken ein, und heute wird der Film öfter zitiert als jeder andere des Regisseurs.

Film über den Genozid?

Man nehme nur die Eröffnungssequenz, in der die Kamera wie ein Insektenforscher auf den gelben VW Käfer hinunterschaut, der sich die Berge Colorados hochkämpft. Unzählige Horrorfilme haben diese Einstellung übernommen und variiert. Zuletzt Ari Aster in seiner Paganen-Groteske Midsommar. Oder das prägnante Sechseckmuster – das Hicks’ Hexagon – des Teppichs, auf dem der telepathiebegabte Danny in einer Schlüsselszene mit seinen Autos spielt. Es taucht nicht nur in zahlreichen Pixar-Filmen an den unerwartetsten Stellen auf, für Fans gibt es Schuhe, Tassen und Handyhüllen im Sechseck-Design.

Überhaupt die Fans. The Shining scheint absurde Interpretationen geradezu herauszufordern. Schon die akademischen Auslegungen sind mitunter kreativ. Eigentlich, so eine Leseweise, sei The Shining nicht ein Film über ein verwunschenes Hotel, sondern über den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern. Oder warum sonst sind in der Speisekammer des Overlooks mehrfach prominent Konservendosen mit einem Indianer-Aufdruck zu sehen? Nicht ausgefallen genug? Wie wäre es dann damit: In Wahrheit hat der Film den Holocaust und Kubricks jüdischen Selbsthass zum Thema.

Ewan McGregorg
… die auch noch Jahre später sichtbar sind

Kubricks Geständnis

Wer es noch versponnener mag, dem sei der Dokumentarfilm Room 237 empfohlen, der einen ganzen Katalog von Auslegungen präsentiert. Die absonderlichste: The Shining ist Kubricks verstecktes Geständnis, dass er im Auftrag der Nasa die Aufnahmen der Mondlandung gedreht hat. Schliesslich ähneln die Sechsecke auf dem berühmten Teppich auffällig der Startrampe, von der aus die Saturn-V-Rakete abhob. Und kann es ein Zufall sein, dass Danny in einer Szene einen Apollo-11-Pullover trägt? Nur einer blieb von alledem unbeeindruckt: Kubrick.

Dass Stephen King auch nach mehr als drei Jahrzehnten noch nicht über Kubricks Version hinweggekommen ist, zeigt seine 2013 erschienene Fortsetzung Doctor Sleep. King belässt es dabei nicht bei einem wenig eleganten Seitenhieb gegen den Regisseur im Nachwort, vielmehr wirkt der ganze Roman wie ein trotziger Versuch, den Film ungeschehen zu machen. Eine schwierige Ausgangslage für Regisseur Mike Flanagan also, der in seiner Verfilmung beiden, King und Kubrick, gerecht werden will.

Dass Flanagan Kubricks Film kennt und ihn im Gegensatz zu King verehrt, macht bereits die erste Einstellung deutlich. Wie The Shining eröffnet auch Doctor Sleep mit dräuenden Dies-irae-Klängen. Danach braucht es dann erst einmal viel umständliche Exposition, bis der zweieinhalbstündige Film richtig in die Gänge kommt.

Erzählt wird die Geschichte des erwachsenen Danny Torrance (Ewan McGregor), der jungen Abra (Kyliegh Curran), die wie Danny über die telepathische Gabe des Shinings verfügt, und einer von Rebecca Ferguson angeführten Gruppe von Untoten, die sich von übersinnlich begabten Kindern wie Abra ernährt.

Schön nachvollziehbar

Nachdem der Film das alles etabliert hat, fliesst er ganz gut, leidet aber an einem Hang zur Ausführlichkeit. Flanagan strebt nie die verstörende Rätselhaftigkeit von Kubrick an, sondern achtet im Gegenteil stets darauf, dass alles schön eindeutig und nachvollziehbar bleibt. Das ist nicht umwerfend, aber auch nicht wirklich schlecht. Wie schon bei Kings Roman fragt man sich aber, was das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Abra und den Seelenfressern eigentlich mit dem ersten Teil zu tun hat. Die Antwort kommt dann überdeutlich, als der Film für den Showdown ins Overlook zurückkehrt.

Bei King flog das Overlook am Ende des ersten Romans in die Luft, weshalb er für das Finale von Doctor Sleep lediglich an den Ort zurückkehren konnte, an dem dieses einst stand. Kubrick dagegen liess das Hotel stehen, was Flanagan die Gelegenheit für zahlreiche Reminiszenzen gibt.

Bereits Steven Spielberg liess vergangenes Jahr für eine Sequenz seines Virtual-Reality-Krachers Ready Player One das Setting von Kubricks Film liebevoll rekonstruieren. Flanagan doppelt nun nach und macht aus den letzten zwanzig Minuten seines Films ein regelrechtes Shining-Best-of. Von der Hotel-Lobby über die eingeschlagene Tür bis zu Jacks Schreibmaschine ist alles da. Das ist in seiner Detailversessenheit beeindruckend und evoziert für kurze Zeit tatsächlich die Stimmung von anno dazumal. Spätestens wenn Henry Thomas als Jack-Nicholson-Imitator auftritt, kippt die Hommage aber endgültig in die unfreiwillige Parodie.

Der Schriftsteller Stephen King gab zu Protokoll, dass er mit Flanagans Film sehr zufrieden sei. Das ist erstaunlich, denn wenn Doctor Sleep etwas gelingt, dann ist es, den Ausnahmestatus der kubrickschen Version zu bestätigen.

Erschienen in der NZZ am Sonntag vom 17. November 2019.

Doctor Sleep in der Internet Movie Database.

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