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Die digitale Revolution frisst ihre Väter – Tron: Legacy von Joseph Kosinski

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Jeff Bridges als digitaler Dude
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Ende der 70er Jahre wollte Steven Lisberger nichts weniger, als die Filmtechnik revolutionieren: Tron sollte der erste Computerspielfilm werden. Fasziniert von den frühen Computerspielen entwarf Lisberger eine Welt im Innern der Rechner. Der Cyberspace war geboren, noch bevor der Science-Fiction-Autor William Gibson den Begriff prägen sollte. Tatsächlich erschien Tron 1982 fast zeitgleich mit der ersten Kurzgeschichte Gibsons, in der vom Cyberspace die Rede ist.

Anders als bei Gibson, der den digitalen Raum als «gemeinsame Halluzination» beschreibt, ist das Computerinnere in Tron allerdings kein rein geistiger, sondern ein erstaunlich konkreter physischer Raum. Zu Beginn des Films wird Protagonist Flynn von einem bösartigen Programm leibhaftig in die digitale Welt hineingezogen, um dort zu entdecken, dass Computerprogramme auch nur Menschen sind. Sie sehen aus wie wir, fahren Motorrad, spielen Frisbee und können sogar sterben.

Doch nicht bloss inhaltlich, vor allem technisch wollte man bei Tron Neuland beschreiten – grosse Teile des Films sollten aus computeranimierter Graphik bestehen. Wohlverstanden: Die entsprechende Technik steckte damals noch in den Kinderschuhen, die Computerspiele, die Lisberger inspirierten, glänzten durch primitivste Klötzchengraphik, Apples Macintosh, der graphische Benutzeroberflächen populär machte, kam erst 1984 auf den Markt. Lisberger liess sich von den technischen Herausforderungen nicht entmutigen und holte mit Disney ein grosses Studio an Bord. In der Vorproduktion zeigte sich allerdings, dass die Technik den Visionen des Regisseurs noch arg hinterherhinkte. Der fertige Film enthielt dann nur wenige computeranimierte Elemente, die meisten Szenen wurden – welche Ironie der Technikgeschichte – in einem äusserst aufwendigen Prozess Bild für Bild von Hand nachbearbeitet.

Für lange Zeit sollte Tron ein Solitär der Filmgeschichte bleiben; keines der in der Produktion verwendeten Verfahren machte Schule. Der digitalen Technik war der Durchbruch erst rund zehn Jahre später mit Filmen wie Jurassic Park oder Terminator 2: Judgement Day vergönnt. Auch visuell blieb Tron ein Einzelgänger: Lisbergers Ansatz, die genuine Qualität der frühen Computergraphik auf den Film zu übertragen, fand kaum Nachahmer.

Es überrascht somit, dass Disney nun das Erbe von Tron antreten möchte. Zwar hat der Film eine treue Fangemeinde, kann durchaus als Kultfilm bezeichnet werden, finanziell sonderlich erfolgreich war er seinerzeit aber nicht. Das Aufwärmen vergangener Grossprojekte scheint derzeit aber die Strategie des Mäusekonzerns zu sein: Demnächst steht ein Remake von The Black Hole an, ein fast zeitgleich mit Tron entstandener Science-Fiction-Film, bei dem hochtrabende Ideen ebenfalls in einem charmantem Murks endeten.

20 Jahre sind seit Tron vergangen, dessen Protagonist Flynn gilt als verschollen, sein Sohn Sam (Garrett Hedlund) aber, eine Mischung aus Open-Source-Aktivist, Extremsportler und Modell, ist zu Beginn noch ganz im Hier und Jetzt, wird aber schon bald wie weiland sein Vater mittels Laserkanone ins Computerinnere katapultiert. Hier, in der digitalen Landschaft des «Grid», wurde designmässig zwar aufgerüstet, vieles ist aber beim Alten geblieben: Wieder gibt es eine grössenwahnsinnige Obersoftware sowie halsbrecherische Rennen und tödliche Frisbee-Duelle. – Sei es Tron oder Matrix, es gehört zu den Widersprüchen des Genres, dass es in der Welt der Bits und Bytes äusserst brachial zu und her geht.

Die ganze Computerwelt-Metaphorik ging schon bei Tron nicht auf, was die Drehbuchautoren Adam Horowitz und Edward Kitsis in der Fortsetzung an Sinnlosigkeiten und hohlem Technikkauderwelsch aneinanderreihen, ist aber deutlich jenseits der Schmerzgrenze. Trotz allem digitalen Schmus erzählt Tron: Legacy ohnehin eine ziemlich abgestandene Vater-Sohn-Geschichte: Der verschollen geglaubte Flynn muss sowohl mit seinem realen Sohn Sam als auch mit seinem digitalen Sprössling Clu – einer grauselig digital verjüngten Ausgabe von Bridges – ins Reine kommen. Immerhin bringt Bridges, der seine Rolle mit einer gehörigen Prise Lebowski-Bekifftheit spielt, als einziger etwas Humor in den Film. Ansonsten gilt: Weghören, wenn die Figuren sprechen, und sich ganz auf die dialogfreien Szenen konzentrieren. Dann nämlich spielt der Film seine wahren Qualitäten aus und wartet mit atemberaubenden Szenen auf. Einen grossen Anteil daran hat der Soundtrack des französischen House-Duos Daft Punk, der auf ingeniöse Weise die Brücke zwischen typischem Eigthies-Synthesizer-Sound und orchestralem Filmscore schlägt. Wenn Tron: Legacy ästhetisch auch nicht ganz so singulär ist, wie sein Vorläufer, so ist er doch sowohl visuell als – leider – auch inhaltlich eine durchaus würdige Fortsetzung.

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 27. Januar 2011.

Tron: Legacy in der Internet Movie Database.

Ein Kommentar

  • 1
    Edgar Loesel:

    Also in aller Kürze: „Look hui, Plot pfui!“
    Etwas anderes habe ich nicht erwartet, nachdem ich mir den ersten Tron-Film noch einmal angeschaut habe.
    Aber eines muss man natürlich zugeben: Im Disney-Universum, in dem auch Uhren und Kaffeekannen sprechen, tanzen und lustige Lieder singen können, ist es stimmig, dass auch Computerprogramme letztlich nur Menschen sind.

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