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Endstation Eis – Snowpiercer von Bong Joon-ho

Die Revolution beginnt In der Schule.

In nicht allzu ferner Zukunft ist die Erde ein grosser Eisklotz; Leben im Freien ist unmöglich geworden, die letzten Menschen sind in einem riesigen Zug versammelt. Einem völlig autarken Wunderwerk der Technik, das in ewigem Kreislauf die Erde umrundet. Im Innern dieser Überlebensbahn herrscht ein rigides Klassensystem. Während die Oberschicht im vorderen Teil des Zugs, die «ticket-holders», ein Leben im Luxus führt, fristet die im hintersten Wagen zusammengepferchte Unterschicht ein elendes Dasein. Kein Wunder plant man hier die Revolution.

Snowpiercer ist ein schönes Beispiel dafür, dass gelungene Science Fiction – zumal im Kino – wenig mit Plausbilität, dafür aber viel mit gekonnter Präsentation zu tun hat. Denn bei Lichte betrachtet ist das Szenario des Films ziemlich hanebüchen. Wieso muss dieser Zug eigentlich ständig in Bewegung sein? Würde er im Stehen nicht ebenso seinen Zweck erfüllen? Und welche Funktion hat der hinterste Wagen im Ökosystem des Zugs? Dass das Setting als Metapher für den modernen Kapitalismus dient, macht der Film schnell klar. Allerdings: Die Unterschicht von Snowpiercer produziert nichts, hat keine ökonomische Funktion, ist im Grunde überflüssig und könnte ebensogut abgehängt oder in die vorderen Wagen intergiert werden.

Dass diese Einwände an Snowpiercer abprallen, ist letztlich nichts anderes als ein Ausdruck filmischer Qualität. Die Welt, die der Film präsentiert, ist zu detaillreich und zu packend, als dass man sich dabei von Wahrscheinlichkeitskrämern die Laune verderben lassen möchte. Dabei kommt ihm zugute, dass das Setting zwar räumlich begrenzt ist, sich aber dennoch sehr abwechslungsreich gestaltet. Angeführt vom zögerlichen Helden Curtis (Chris Evans) kämpfen sich die Rebellen nach vorne, dort, wo der sagenumwobene Wilford (Ed Harris), Erbauer des Zugs und Herrscher dieser Welt, residiert. Auf diesem mühsamen Weg entdecken sie – und mit ihnen der Zuschauer – in jedem Wagen eine neue Welt. Da gibt es eine Sushi-Bar, ein Aquarium (für den frischen Fisch), einen Schönheitssalon und die obligate dekadente Party. Ein satirischer Höhepunkt ist der Schulwagen, in dem eine völlig überdrehte Lehrerin ihren Schützlingen erbauliche Lieder beibringt – «Und wenn die Maschine anhält, dann erfrieren wir alle!»

Das Hollywood-Debüt des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho war bereits vor seinem Kinostart Gegenstand erbitterter Auseindersetzungen. Anscheinend war Produzent Harvey Weinstein das Ergebnis nicht kommerziell genug. Er ordnete massive Kürzungen an, gegen die sich Bong zur Wehr setzte. Nach einer Internetkampagane gab Weinstein schliesslich klein bei, verordnete im Gegenzug aber einen begrenzten Kinostart in den USA, was nichts anderes als ein finanzielles Todesurteil bedeutet. Angesichts des nun erschienenen Films mag man nicht recht nachvollziehen, woran Weinstein Anstoss nahm. Snowpiercer ist nicht sonderlich extravagant oder übermässig anspruchsvoll, sondern lediglich ein gelungener Film.


Eine ausführlichere Analyse der utopischen resp. dystopischen Aspekte des Films (mit zahlreichen Spoilern) gibt es auf meinem Blog Utopia 2016.

Erschienen in der Basler Zeitung vom 30. April 2014.

2 Kommentare

  • 1
    «Snowpiercer» « Utopia 2016:

    […] des Südkoreaners Bong Joon-ho ist ein gelungener Science-Fiction-Film (siehe meine Rezension ), der auch in Sachen Utopie/Dystopie von Interesse ist. Kurz zur Geschichte: Der Versuch, die […]

  • 2
    Swen:

    Zum Arm der abfriert
    bevor Mason seinen Arm aus dem Loch stecken musste haben seine Folterer auf einer Karte die aktuelle Höhenlage geprüft. „In dieser Höhe reichen sieben Minuten“. In großen Höhen ist es noch bedeutet kälter, daher ist sein Arm abgefroreren, aber in den Tälern ist die Temperatur schon wesentlich niedriger.

    Wozu dient die Unterschicht?
    Wilford erwähnt gegenüber Curtis, das die Unterschicht ständig Nachwuchs produziert. Vielleicht wird wie anhand der Figur des Kochs, der die Proteinriegel hergestellt, angedeutet, dass aus der Unterschicht das Personal für die „niederen Arbeiten“ rekrutiert wird. Auch benötigt man ja Kinder als lebende Ersatzteile.

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