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Zuckerwattewolken – Cloud Atlas von Tom Tykwer, Andy und Lana Wachowski

Es ist eine Geschichte voller Missverständnisse, die mit der Frage beginnt, was die Qualität des Romans Cloud Atlas ausmacht. Das 2004 erschienene Buch des britischen Autors David Mitchell wurde bald als unverfilmbar bezeichnet, da es seine sechs Handlungsstränge quasi halbiert aneinanderreiht: Den Anfang macht ein Reisetagebuch des 19. Jahrhunderts. Dieses bricht unvermittelt ab, es folgt die erste Hälfte eines Briefwechsels eines jungen Musikers mit seinem Geliebten, und so geht es weiter bis zum letzten Erzählstrang in einer post-apokalyptischen Zukunft. Nach diesem kommt die zweite Hälfte der fünften Geschichte an die Reihe und es geht wieder zurück bis ins 19. Jahrhundert.

Diese Struktur ist zwar ungewöhnlich, ihren besonderen Reiz erhält sie aber erst durch die sprachliche Umsetzung, denn Mitchell hat für jede Episode einen eigenen Stil gewählt: Das Tagebuch des Pazifikreisenden Adam Ewing ist deutlich von Robinson Crusoe inspiriert, der in den 1970ern spielende Thriller über mörderische Machenschaften rund um ein AKW kommt als rasanter Reisser daher, und in ferner Zukunft spricht ein Ich-Erzähler in einem degenerierten Kauderwelsch-Englisch.

Mitchells sprachlichen Spielereien und seiner mitunter überbordenden Freude an den verschiedenen Registern hat der Film wenig entgegenzusetzen. Dass das Regisseur-Trio von Cloud Atlas, die Wachowski-Geschwister gemeinsam mit Tom Tykwer, die sechs Episoden parallel, mit ständigem Hin- und Herspringen, erzählt, ist dabei eher nebensächlich. Auch ist das Gezeigte visuell durchaus ansprechend, die Vielstimmigkeit der Vorlage – die wohl tatsächlich unverfilmbar ist – bleibt aber auf der Strecke.

Dass drei Regisseure gemeinsam Regie führen, kommt selten vor, Cloud Atlas war den Beteiligten aber offensichtlich ein Herzensanliegen. Zugleich waren ihnen die Schwierigkeiten, die sie sich mit der Vorlage einhandelten, zumindest teilweise bewusst. Umso seltsamer das Vorbild, das sie erklärtermassen wählten, um dem Stoff Herr zu werden: Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey.

Damit wären wir beim zweiten Missverständnis: Kubricks Science-Fiction-Epos und Cloud Atlas haben schlicht nichts gemein, weder strukturell – 2001 deckt zwar einen riesigen Zeitraum ab und macht grosse Sprünge, ist aber streng chronologisch erzählt – noch inhaltlich. Vor allem aber nehmen die beiden Filme völlig konträre Haltungen gegenüber ihrem Publikum ein. Kubricks Film lässt – anders als der gleichnamige Roman von Arthur C. Clarke – alles offen, erklärt nichts, betreibt vielmehr bewusste Verrätselung. Cloud Atlas dagegen drückt einem seine Botschaft rücksichtslos aufs Auge.

Cloud Atlas ist unter anderem ein Roman über den fragilen Status des Erzählens. Mehrfach wird der Wahrheitsgehalt einer Geschichte in der folgenden Episode in Zweifel gezogen. Mit solchen Feinheiten halten sich die Filmemacher nicht auf, sie bevorzugen Sentenzen wie die folgenden: «Wir sind alle verbunden. Vergangenheit und Zukunft. Und mit jedem Verbrechen und jeder guten Tat erschaffen wir die Zukunft». Diese Poesiealbum-Logik – mit der Bezeichnung «Philosophie» will man derartigen Schwulst nicht adeln – ist bei Mitchell durch zahlreiche wiederkehrende Motive, Verweise und interne Anspielungen ebenfalls angelegt, allerdings – nicht zuletzt dank der sprachlichen Kunstfertigkeit – stark abgefedert und ironisch gebrochen.

Und damit wären wir beim letzten Missverständnis, das freilich auf der Seite des Publikums und der Kritik zu suchen ist: Als Tom Tykwer 1998 mit seinem dritten Spielfilm Lola rennt seinen Durchbruch schaffte, wurde dessen Replay-Struktur vielerorts als ironisches Spiel mit Kinokonventionen wahrgenommen. Ähnlich erging es den Wachowskis, als sie in The Matrix in einem postmodernen Furor die halbe westliche Philosophiegeschichte plünderten, um ihre Saga vom Kampf des Auserwählten Neo gegen die bösen Maschinen zu erzählen. Wer Tykwers frühere Filme kannte, mochte schon damals ahnen, dass der Regisseur in Wirklichkeit anderes im Sinn hatte. Die beiden unsäglichen Matrix-Fortsetzungen liessen ähnliche Zweifel aufkommen. Cloud Atlas macht nun aber endgültig klar: Das ist alles todernst gemeint. Leider.

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 29. November 2012.

Cloud Atlas in der Internet Movie Database.

Ein Kommentar

  • 1
    Edgar Lösel:

    Das ist ein Film, der es mir schwer macht, ein verbindliches Urteil zu fällen. Ich finde Ihre Kritik sehr nachvollziehbar, gleichzeitig habe ich den Film als unterhaltsam und durchaus mitreißend erlebt, mit den Charakteren konnte ich mitfiebern, wenn auch nicht so wie in der ersten Geschichte 😉 Gewiss, die Botschaft mag schwülstig, und der Film ein etwas überambitionierter Genre-Mix sein, aber kalt gelassen hat der film mich nicht und bin neugierig auf das Buch geworden. Viel eher erinnert mich die Struktur des Film an einen Episodenfilm wie „Pulp Fiction“ als an 2001. Mit besten Grüßen, Edgar Lösel

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