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Im Bunker – Der Untergang von Oliver Hirschbiegel

Wozu macht ein Mensch Filme? Um eine interessante Geschichte zu erzählen, um etwas Grundlegendes über den Menschen, die Welt, das Leben auszusagen; vielleicht auch nur, um damit Geld zu verdienen, oder vielleicht, um zu belehren. Das alles können Gründe sein, um einen Film zu drehen, der eine so legitim wie der andere, wenn auch nicht all gleich leicht umsetzbar. Kino lässt sich nicht auf eine Funktion reduzieren, reines Unterhaltungskino hat ebenso seine Berechtigung wie sogenannte Problemfilme. Es gibt – wie Frank Capra einst gesagt hat – beim Filmemachen sowieso nur eine Todsünde: Die Langeweile.

Es gibt also die verschiedensten Motive, aus denen jemand einen Film dreht, und die Frage nach dem Warum ist meist sinnlos und eigentlich auch uninteressant. Warum aber – so die Frage, die man sich beim Ansehen von Der Untergang stellt, ja stellen muss – dreht jemand einen Film über die letzten Tage Hitlers im Führerbunker? Man möge mich hier bitte nicht missverstehen: Anders als mancher deutscher Filmkritiker sehe ich in der filmischen Darstellung Hitlers keinen Tabubruch. Ganz im Gegenteil: Eigentlich ist mir schleierhaft, was daran skandalös oder unmoralisch sein soll, Hitler als Menschen darzustellen. Denn was soll er sonst gewesen sein, wenn nicht ein Mensch? Ein Incubus, der über Nacht in das deutsche Volk gefahren ist, der menschgewordene Teufel? Mit der Dämonisierung Hitlers erreicht man nichts, ausser dass man die Sicht auf die historischen Ursachen des Dritten Reiches versperrt. Natürlich war Hitler ein Mensch, und ob er in seiner Bösartigkeit und Grausamkeit so einzigartig war, wissen wir schlicht und ergreifend nicht, denn die wenigsten Menschen kommen wie er in eine Situation, in der sie ihren Wahnsinn so hemmungslos ausleben können. Einen Film über Hitler zu machen, ist noch nichts Negatives, solange das Ergebnis interessant ist. Was aber soll interessant daran sein, Hitler in seinen letzten Tagen zu begleiten, welche spannende oder erkenntnisreiche Geschichte soll uns da erzählt werden?

Oliver Hirschbiegels Film folgt Hitlers Sekretärin Traudl Junge während der letzten Tage des dritten Reiches. Die Erzählung setzt ein, als Hitler die junge Frau als Sekretärin engagiert, und macht dann einen Sprung ins Jahre 1945 zu dem Tag, an dem die Führungsriege in den Bunker einzieht. Der Krieg ist zu diesem Zeitpunkt längt verloren, und ausser dem Führer selbst haben dies auch alle eingesehen. Nur Hitler verschiebt noch imaginäre Truppen auf der Karte und weigert sich standhaft, das eingekesselte Berlin zu verlassen.

Der titelgebende Untergang ist zum Zeitpunkt der Filmhandlung längst besiegelt, und damit kommt dem Film schon bei Beginn die Geschichte abhanden, denn eigentlich geschieht nichts in den zweieinhalb Stunden, die Hirschbiegels Film dauert, ausser dass sich die letzten Überreste der Naziführung auflösen. Wer noch kann, flüchtet aus Berlin oder versucht, mit dem Gegner einen Handel abzuschliessen, die übrigen begehen Selbstmord. Einer nach dem anderen, wie in einem Abzählreim.

Das hört sich nun nicht sonderlich interessant an, und tatsächlich ist der Untergang vor allem langweilig. Wir wissen ja ohnehin, wie alles ausgehen wird, und auf dem Weg dort hin geschieht eigentlich nichts, was wirklich interessant wäre. Da gibt es keine nennenswerten inneren Konflikte und erst recht keine dramatische Handlung, sondern nur den tödlichen Abzählreim. Natürlich lässt einen der Film nicht kalt, das ist bei der Thematik auch gar nicht anders möglich. Wenn Magda Goebbels ihre Kinder eines nach dem anderen vergiftet, bleibt man davon nicht ungerührt, ebensowenig, wenn in den Szenen an der Erdoberfläche die Leiden dder Zivilbevölkerung gezeigt werden. Aber auch diese Szenen in ihrer ganzen grausamen Ausführlichkeit machen den Film nicht wirklich interessant.

Und Hitler? Der Führer erscheint im Film als irrer Alter, ein kranker Mann, der längst jeden Bezug zur Realität verloren hat, von Zeit zu Zeit Wutanfälle produziert und dann kurz darauf von nicht-existenten Truppenverbänden fabuliert. Die Frage, ob Hitler zu menschlich dargestellt wird, erübrigt sich von selbst, denn diesen schreienden Wirrkopf nimmt man ohnehin keinen Moment lang ernst. – Von den Machern des Films wird gerne betont, wie detailgetreu und historisch genau das Drehbuch recherchiert ist, dass alles, was in Der Untergang zu sehen ist, belegt ist und nichts Entscheidendes dazu erfunden wurde. Sehen wir mal davon ab, dass ein Film die Realität ohnehin nicht abbilden kann und, und dass jeder Regisseur, der das Gegenteil behauptet, besser noch einmal auf die Filmschule sollte; aber selbst wenn man diesen grundlegenden Einwand beiseite lässt, drängt sich doch die Frage auf, was dieses Konzept – das letztlich gar keines ist – eigentlich soll. Der Untergang erzählt keine Geschichte, hat keine These, macht keine Aussage, bringt keine Einsicht ausser der, dass die Führung des Dritten Reichs aus einer Bande Verrückter bestand.

Manche Szene in dem Film ist trotz allem Bemühen um geschichtliche Akkuratesse von geradezu absurder Komik; etwa wenn Hitler Eva Braun heiratet und der eilig herbeigeschaffte Standesbeamte den Führer ordnungsgemäss fragt, ob er Arier ist. In solchen Momenten wird klar, warum Chaplins The Great Dictator trotz aller Einschränkungen nach wie vor einer der gelungensten Filme zum Thema ist: Weil die Thematik einfach zu absurd und unvorstellbar ist, als dass man ihrer mit sogenanntem Realismus Herr werden könnte. Der Untergang als Groteske? Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Film – zumal in Deutschland – nicht produziert werden kann, interessanter als der vorliegende Film wäre es auf jeden Fall geworden.

Der Untergang ist ein langweiliges Geschichtsbuch, eine Ansammlung historischer Fakten, die von keiner Grundthese zusammengehalten werden, die für sich alleine wenig bis keine Aussagekraft besitzen. Hitler war also Vegetarier, litt an Parkinson und liebte seinen Hund abgöttisch; schön, wer’s nicht wusste, hat’s jetzt erfahren – was aber bringen uns derartige Einsichten?

Zum Schluss, nachdem alle tot oder geflüchtet sind, informiert uns eine Einblendung, dass im Zweiten Weltkrieg fünfzig Millionen Menschen umgekommen sind, davon sechs Millionen in den Konzentrationslagern. Dieser oberlehrerhafte Einschub ist nicht nur vollkommen deplaziert, der Film stellt sich damit auch selbst bloss, denn von diesen Millionen Toten erzählt uns der Film ja nichts, sondern nur von einer Ansammlung Wahnsinniger in einem Bunker. Ganz am Ende kommt dann noch die greise Traudl Junge zu Wort, die erzählt, wie sie eines Tages einsehen musste, dass sich ihr Verhalten, ihr Wegschauen, ihr Unwissen nicht durch ihre Jugend entschuldigen lässt. Das mag pädagogisch wertvoll und gut gemeint sein, hat aber mit dem vorangehenden Film gar nichts zu tun, denn von der Verführungskraft der Macht erzählt uns Hirschbiegel auch nichts; was wir in Der Untergang erfahren, ist einzig, dass Bruno Ganz Hitler ganz verblüffend ähnlich sieht – das allein rechtfertigt aber noch keinen Film.

Der Untergang in der Internet Movie Database

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