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Persönlichkeitsstörungen – Total Recall von Len Wiseman

«Wer bin ich – und wenn ja wie viele» fragt ein populärwissenschaftlicher Bestseller; ein Titel, der auch als Werbeslogan für Total Recall taugen würde. Es beginnt bereits alles andere als harmlos: Doug Quaid (Colin Farrell), ein unbedeutender Fliessband-Arbeiter, möchte endlich etwas erleben und nimmt dafür die Dienste von Rekall in Anspruch, einer Firma, die Erinnerungen an grandiose Urlaubsreisen verkauft. Eine hübsche Idee, die zudem als Metapher für das Kino funktioniert. Denn Rekall bietet nicht nur gewöhnliche Ferien an, sondern auch Erinnerungen an grandiose Abenteuer, etwa als Playboy oder Geheimagent. Diese eskapistischen Phantasien kann der Kunde bequem und gefahrlos vom Sessel aus geniessen – genau wie der Kinozuschauer.

Aber eben, das ist nur der Anfang. Die Prozedur zeitigt unerwartete Effekte, da Quaid tatsächlich ein Geheimagent ist. Allerdings hat jemand die Erinnerungen an seine wahre Identität überschrieben, sein ganzes Leben ist eine Charade. Ich ist wahrhaftig ein anderer.

Ehe sich’s Quaid versieht, ist er Teil einer riesigen Intrige. Verfolgt von blutrünstigen Schergen, die ausgerechnet von der Frau angeführt werden, die sich eben noch als seine hingebungsvolle Gattin (Kate Beckinsale) ausgegeben hat. Eine äusserst missliche Situation, aber letztlich genau jene Art von Abenteuer, die sich Quaid gewünscht hat. Sitzt er womöglich noch immer bei Rekall im Behandlungszimmer?

Nur wenige Actionfilme können mit einem derart doppelbödigen Plot aufwarten wie Total Recall. Von ungefähr kommt das nicht, geht dessen Drehbuch doch auf eine Kurzgeschichte des amerikanischen Science-Fiction-Schriftstellers Philip K. Dick zurück. Dicks umfangreiches Werk steht ganz im Zeichen der Frage nach dem Wesen der Wirklichkeit. Ein Thema, das schliesslich auch für den Autor selbst grosse Dringlichkeit erhielt, als dieser Mitte der 70er Jahre mit einer überirdischen Intelligenz in Form eines rosa Lichtstrahls in Kontakt kam. Dick verwandte viele Jahre und tausende von Seiten auf die Frage, ob der Ursprung seiner Visionen psychotischer oder göttlicher Natur war.

Dicks Einfluss auf das Science-Fiction-Genre ist beträchtlich, was sich nicht zuletzt an den zahlreichen Verfilmungen zeigt. Der stets von finanziellen Problemen geplagte Autor konnte diesen Erfolg allerdings nicht mehr geniessen. Er starb 1982, im gleichen Jahr, in dem mit Blade Runner die nach wie vor bekannteste Dick-Verfilmung erschien. Acht Jahre später folgte dann Total Recall, dessen Remake nun in die Kinos kommt.

Paul Verhoevens Film – mit einem für 1990 sagenhaften Budget von über 50 Millionen Dollar und Super-Muskelstar Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle – bot neben brachialer Action ein Drehbuch von erstaunlicher Komplexität. Actionfilme zeichnen sich in der Regel nicht durch Mehrdeutigkeit aus, Verhoeven machte sich aber geradezu einen Sport daraus, seinen Film mit Ambivalenzsignalen zu spicken. In seiner Version deutet vieles darauf hin, dass das Happyend nur ein vermeintliches ist und Quaid in Wirklichkeit in seinem Wunschtraum gefangen bleibt.

Len Wisemans Neuauflage weicht nur marginal vom ingeniösen Plot des Originals ab. Als einzige grössere Änderung spielt die Handlung nun ausschliesslich auf der verwüsteten Erde und nicht wie bei Verhoeven zu grossen Teilen auf dem Mars. Augenfälliger sind aber die visuellen Unterschiede: Vorbei die Zeiten des nackten Waschbetons, der auftoupierten Eighties-Frisuren und der typischen Schwarzenegger-Hauruck-Prügeleien. Wiseman hat unter anderem bei zwei Filmen der Underworld-Reihe Regie geführt, die sich vor allem durch ihren coolen Gothic-Look und die spektakulären Actionszenen auszeichnet. Entsprechend funkelt das futuristische London in schaurig schönem Zwielicht und trumpft Total Recall mit furios choreographierten Kampfszenen auf.

Man mag den Sinn von Remakes generell infrage stellen, insgesamt ist Total Recall aber durchaus gelungen. Erstaunlicherweise gibt sich Wisemans Version allerdings vorsichtiger als das Original und wartet mit einem weniger zweideutigen Ende auf. Dies ist schade und eigentlich unnötig. Schliesslich ist das heutige Publikum weitaus verschachteltere Filme gewohnt als die Zuschauer vor 20 Jahren.

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 23. August 2012.

Total Recall in der Internet Movie Database.

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