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In der Schule des Lebens – Titeuf von Zep

Titeuf und seine Bande
Titeuf und seine Bande.
Ein feinsinniger Streich wird vorbereitet …
Ein feinsinniger Streich wird vorbereitet …
Titeuf und Nadia beim Rektor.
Titeuf und Nadia beim Rektor.
Auch Titeufs kleine Schwester macht nur Ärger.
Auch Titeufs kleine Schwester macht nur Ärger.

Es ist eine Geschichte so alt wie der Pausenplatz: Titeuf liebt die schöne Nadia, doch diese ignoriert ihn. Vielleicht liegt es ja daran, dass Titeuf auf dem Schulhof gerne des Langen und Breiten darlegt, warum Mädchen doof sind. Oder vielleicht, weil sie – unverständlicherweise – keinen Gefallen an seinen ausserordentlichen Rülpsfertigkeiten findet. Auf jeden Fall ist Titeuf nicht zu Nadias Geburtstagsparty eingeladen. Und als wäre das nicht schlimm genug, hängt bei Titeuf auch noch der Haussegen schief. Seine Mutter verreist ein paar Tage zur Oma – um nachzudenken.

Titeuf, der kleine Junge mit der blonden Tolle aus der Feder des Westschweizer Comic-Zeichners Zep, ist im französischsprachigen Raum längst ein Grosserfolg. Aber obwohl der Carlsen-Verlag die deutschsprachigen Comicleser bereits seit Jahren mit seinen Abenteuern versorgt, ist Titeuf diesseits des Röstigrabens nicht allzu bekannt. Es bleibt zu hoffen, dass dem Film mehr Erfolg beschieden ist, denn die schweizer-französische Koproduktion kann locker mit grossen amerikanischen Animationsfilmen mithalten.

Im Grunde erzählt Titeuf einfach eine aktualisierte Version des Petit Nicolas: Der Titelheld kämpft mit den Herausforderungen des Alltags, spielt Streiche und schwankt dabei stets zwischen der abenteuerlichen Welt seiner Einbildung und der weitaus prosairischeren Wirklichkeit. Und immer wieder kollidieren die Dinosaurier und intergalaktischen Roboter seiner Phantasie mit der Realität der Erwachsenen. Fortlaufend versteht Titeuf, was er von Eltern und Lehrern aufschnappt, falsch – nämlich meist wörtlich. Etwa wenn er sich in Panik ausmalt, wie es wäre, wenn seine Mutter wieder heiraten würde und er auf einen Schlag zum Halbbruder würde. Eine grauenhafte Vorstellung – und an einem in zwei geteilten Jungen hätte Nadia gewiss keine Freude.

Im Unterschied zu Goscinnys Kinderbuchklassiker und auch zum ähnlich gelagerten Comic Calvin and Hobbes lebt Titeuf allerdings nicht in einer jugendfreien Zone, sondern in der modernen Gegenwart, in der Sex kein Fremdwort ist. Selbstredend, dass der Dreikäsehoch das einschlägige Vokabular zwar kennt, aber dennoch nicht recht versteht, was es damit auf sich hat. Aber auch so weiss er, dass er handeln muss, als sein Vater während der Abwesenheit der Mutter eine alte Freundin einlädt. Eine Freundin, mit der er mal Slow getanzt hat! Da droht schon wieder die akute Halbierung.

Zep, der für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet, versteht es meisterhaft, den Charme des Originals auf die grosse Leinwand zu übertragen. Der Plot mag nicht sonderlich originell sein, trägt aber problemlos über die anderthalb Stunden des Films, was gerade bei Comicverfilmungen keine Selbstverständlichkeit darstellt. Vor allem aber weist Titeuf die beiden Kardinaltugenden auf, die Disney und später Pixar gross gemacht haben: Ein Ensemble liebenswerter Figuren und eine konsequente Doppeladressierung, dank der sowohl die Kinder im Publikum als auch deren Eltern auf ihre Kosten kommen. Dass man mit Titeuf nicht nur den französischsprachigen Markt im Auge hat, zeigt die sorgfältige schweizerdeutsche Synchronisation. Zwar ist es bedauerlich, dass das Deutschschweizer Publikum keine Möglichkeit haben wird, das Original zu geniessen, denn Titeufs französisches Genuschel ist einfach unnachahmlich. Aber die Mundartfassung, für die der Regisseur Andres Brütsch verantwortlich zeichnet, tröstet dank ihres witzigen Spiels mit Dialekten und Jugendslangs weitgehend über diesen Verlust hinweg. Ein besonderes Schmankerl stellt ein musikalischer Gastauftritt einer Figur dar, deren Aussehen verdächtig an Johnny Hallyday erinnert, der nun aber Gölä die Stimme leiht.

Titeuf ist der erste Schweizer Spielfilm seit Jahren, der sich an ein breites Publikum richtet und vorbehaltlos auf internationalem Niveau bestehen kann, Dass die Produktion beim Schweizer Filmpreis mit keiner einzigen Nomination bedacht wurde, ist schlicht und ergreifend ein Skandal.

Erschienen in der NZZ vom 5. April 2012.

Titeuf in der Internet Movie Database.

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