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Langer Auftakt für einen kleinen Hobbit – The Hobbit: An Unexpected Journey von Peter Jackson

Es ist eine sonderbare Erfahrung: Fast drei Stunden dauert Peter Jacksons Film, doch wenn am Ende die Credits auf der Leinwand erscheinen, bleibt man als Zuschauer mit dem Gefühl zurück, lediglich den Auftakt zum eigentlichen Film gesehen zu haben. Das soll freilich nicht heissen, dass die erste Tranche der auf drei Teile angelegten Verfilmung von J. R. R. Tolkiens The Hobbit mit Schauwerten geizen würde. Keineswegs. Wie wir es von Jackson mittlerweile gewohnt sind, wartet auch das jüngste Werk des Neuseeländers mit gewaltigen Schlachtenszenen, majestätischen Landschaften, digitaler Tricktechnik in ihrer höchsten Vollendung und neu auch mit 3D-Technik auf (zum erstmals eingesetzten Aufnahmeverfahren mit 48 Bildern pro Sekunde können wir leider nichts sagen, da für die Presse eine entsprechende Kopie noch nicht bereit stand). Auch die waghalsigen Fahrten, bei denen die Kamera in Abgründe stürzt und schwindelerregende Höhen erklimmt, fehlen nicht. All das ist schön anzusehen, kann aber nicht über grundlegende Probleme hinwegtäuschen.

Der 1937 erstmals erschienene The Hobbit war ursprünglich als Kinderbuch mit bescheidenem Anspruch konzipiert. Der Tonfall war kindlich-humoristisch und Tolkien noch weit entfernt von der Mythen- und Weltschöpfungstrunkenheit, die sein Opus magnum The Lord of the Rings kennzeichnen sollte. Genau hier liegt aber das Problem, mit dem Jacksons Film zu ringen hat: Die Verfilmung der viel umfangreicheren Ring-Trilogie, die ihrerseits ja nur die Spitze des tolkienschen Mythen-Eisberges darstellt, konnte nur mit ganz grosser Geste erfolgen. Viel Pathos und der Anspruch, nicht bloss eine Geschichte zu erzählen, sondern gewissermassen mit vorsätzlichem Grössenwahn einen ganzen Kosmos zu entwerfen, waren bei diesem Stoff Pflicht. Alles andere wäre dem Urtext der modernen Fantasy schlicht nicht gerecht geworden.

Beim Hobbit, der Geschichte des gemütlichen Halblings Bilbo Baggins, der wider seinen Willen zum Helden wird, ist es nun genau umgekehrt: Jackson tritt zwar wieder an mit seiner Armee von Ausstattern und Tricktechnikern, einem Ensemble hochkarätiger Darsteller sowie den Erwartungen des Publikums und dem Druck der Studios im Rücken. Als Material steht aber noch kein ausgewachsener Heldenkosmos zur Verfügung, sondern lediglich die ziemlich gradlinige Geschichte von einem Hobbit (Martin Freeman) und einer Gruppe Zwerge, die sich aufmachen, den Drachen Smaug zu töten. Der Untertitel von Tolkiens Buch – «There and Back Again» – bringt den Plot bereits auf den Punkt. Hobbits wie Bilbo mögen zwar für ihre überdimensionalen Füsse bekannt sein, eine zweite Mega-Trilogie ist in diesem Fall aber dennoch einige Schuhnummern zu gross.

Entsprechend polstern Jackson und seine Co-Autoren das Storygerüst kräftig aus. Jede Gelegenheit wird genutzt, um noch einen Zusatz-Schlenker einzubauen, und manche Figur, die in Tolkiens Hobbit noch gar nicht vorkommt, hat im Film bereits einen Auftritt. Sogar für eine an Disney gemahnende Musical-Nummer mit singenden Zwergen findet sich Platz. Dass sich das Drehbuch diese Freiheiten nimmt, hat dabei durchaus seine Logik. Denn vieles, was im Hobbit geschieht, hat Tolkien selbst retrospektiv in den grösseren Kontext seiner Fantasy-Mythologie eingebettet. So wurde der geheimnisvolle Necromancer, dessen Geschichte im Buch lediglich in einigen wenigen Sätzen angedeutet wird, später zu einer Inkarnation Saurons, des Erzbösen aus Lord of the Rings, erklärt. Entsprechend prominent wird die Figur nun im Film eingeführt, und es kann schon jetzt als sicher gelten, dass sie in den folgenden Teilen noch deutlich mehr Platz einnehmen wird; wahrscheinlich wird sie am Ende auch als Brücke zwischen den Trilogien fungieren (wer hier an Darth Vader denkt, dem diese Funktion bei Star Wars zukam, dürft wohl nicht ganz falsch liegen).

Wenig erstaunlich ist auch, dass dem Ring, den Bilbo zufällig in den Nebelbergen findet, sowie dem degenerierten Gollum ebenfalls grössere Bedeutung zukommen, als dies in der Vorlage der Fall war. Die digitale Figur Gollum ist dabei einmal mehr eines der Highlights des Films, während ein Grossteil der menschlichen Akteure blass bleibt. Alte Bekannte wie Ian McKellen, Hugo Weaving und Cate Blanchett zehren vor allem von ihren Auftritten in der ersten Trilogie, während die Zwerge, denen Bilbo nolens volens folgt, kaum an Kontur gewinnen. Den Schauspielern kann dies nicht angelastet werden. Vielmehr liegt es am Plot, der nach einer Drittelung schlicht zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten bietet.

Weil die Filmzeit aber gefüllt werden muss, macht der Film zahlreiche Exkurse. Abwechselnd erzählen sich die Figuren, was bisher geschehen ist, oder raunen dunkel dräuend, welch schwere Zeiten dem Drachentöter-Trüpplein und Middle-Earth insgesamt bevorstehen. Viel Zeit wird da für die Vergangenheit und die Zukunft aufgewandt, während die Handlungsgegenwart ins Hintertreffen gerät. Was dabei vor allem stört, ist die wenig souveräne Handhabung dieser Abstecher: In seinen vielen Rückblenden erzählt der Film meist nicht, er zeigt bloss. Da mögen die Bilder noch so opulent sein, im Grunde dienen sie fast ausschliesslich der Illustration des jeweiligen Off-Kommentars. Entsprechend fällt das Ergebnis trotz aller visueller Grandezza oft erstaunlich unfilmisch und statisch aus. Letztlich fühlt sich der überlange Film durch das ständige Beschwören des Vergangenen und Andeuten des Kommenden nicht wie eine halbwegs abgeschlossene erzählerische Einheit an, sondern eher wie ein einziger gigantischer Prolog für die Teile zwei und drei. Etwas stimmt dabei aber dennoch optimistisch: Nachdem Jackson nun alle Figuren in Position und alle Handlungsstränge etabliert hat, dürften die beiden kommenden Filme wohl tatsächlich einiges interessanter ausfallen.

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13. Dezember 2012.

The Hobbit: An Unexpected Journey in der Internet Movie Database.

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