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Fehllektüre – The Reader von Stephen Daldry

Das Problem ist wahrscheinlich fast so alt wie der Tonfilm selbst, und viele Kino- und Fernsehzuschauer, die ohnehin nur Synchronisationen sehen, werden sich seiner kaum bewusst sein, dennoch lohnt es sich, von Zeit zu mal darüber nachzudenken: Wenn das bewegte Bild auch als internationale Sprache gilt, sprechen die Figuren doch jeweils ihr eigenes Idiom. Gerade Hollywoodproduktionen gehen selten das Wagnis ein, längere Dialogpassagen in einer anderen Sprache als Englisch zu zeigen. In jüngerer Zeit ist nun eine ganze Reihe von Filmen erschienen, die den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben, und es ist durchaus aufschlussreich zu beobachten, wie die verschiedenen Produktionen mit dem Sprachproblem umgegehen.

The Boy in the Striped Pyjamas und Valkyrie wählen beide den Weg, alle Dialoge konsequent in Englisch zu halten. Das führt zwar zu einigen irritierenden Momenten, etwa wenn Tom Cruise nicht in der Lage ist, den Umlaut im Namen Goebbels richtig auszusprechen, und sich auch deutlich von seinen englischen Schauspielerkollegen abhebt; oder wenn an einem Fest, das der Vater der Hauptfigur in The Boy in the Striped Pyjamas gibt, englischer Schlager ertönt, aber wenigstens bleibt der Sound des Films jeweils homogen. In Defiance dagegen sprechen die jüdischen Partisanen Englisch mit einem östlichen Akzent, nur um dann in manchen Szenen doch wieder Russisch zu sprechen. Soll der Kunstakzent, den die Schauspieler zudem nicht immer gleich gut durchhalten, vielleicht für Jiddisch stehen? Der Kunstgriff ist zumindest fragwürdig. Die ungeschickteste Strategie schlägt nun zweifellos The Reader ein. In Stephen Daldrys Film, der im Nachkriegsdeutschland spielt, sprechen die Hauptdarsteller Englisch, während im Hintergrund – wahrscheinlich um Lokalkolorit zu markieren – immer wieder deutsche Wortfetzen zu hören sind, die Menükarte in der Gartenwirtschaft dagegen ist fein säuberlich auf Englisch angeschrieben. Richtiggehend grotesk wird es, wenn im Englisch von Nebendarstellern deutscher Zunge wie Bruno Ganz oder Burghart Klaussner ein deutlicher Akzent zu hören ist.

Eine Kindheit im Slum
Der Vorleser und sein Publikum

Man mag das als beckmesserische Kritik empfinden, doch die sprachliche Kakophonie ist symptomatisch für den ganzen Film; Daldry hat für die Verfilmung von Bernhard Schlinks Bestseller den richtigen Ton nicht gefunden. Eine grosse Qualität von Schlinks Roman über die Liebesbeziehung zwischen dem Jungen Michael und der ehemaligen KZ-Wärterin Hanna war gerade die unpathetische, fast lakonische Sprache. Auch der Coming-of-Age-Teil der Geschichte, in der die mehr als doppelt so alte Frau den 15-Jährigen in das Reich der Erotik einführt und er ihr im Gegenzug die Klassiker der Weltliteratur vorliest, sind relativ kühl gehalten. Dass der Film hier für amerikanische Verhältnisse ungewohnt explizit wird und sich nicht scheut, ausführlich die nackten Körper der beiden Hauptdarsteller zu zeigen, ist dabei eine durchaus gelungene Abweichung von der Vorlage, denn sie macht Michaels Faszination für Hanna nachvollziehbar. In diesen Szenen wird auch deutlich, dass die burschikose Kate Winslet die glücklichere Wahl für die mitunter ruppige Hanna ist als die ursprüngliche vorgesehen Nicole Kidman.

Abgesehen von den Jugendjahren Michaels, die auch den Mief der 50er Jahre gut einfangen, passt hier aber leider wenig zusammen. Das zeigt sich auch in der Erzählkonstruktion. Wie der Roman setzt sich auch der Film im Wesentlichen aus drei Zeitebenen zusammen, die allerdings anders als in der Vorlage nicht hintereinander, sondern teilweise parallel geschaltet werden: Da wären Michaels Jugend, in die die Liebesbeziehung mit Hanna fällt, seine Zeit als Jus-Student, in der er diese zu seiner grossen Überraschung als Angeklagte in einem Kriegsverbrecherprozess wiedersieht, und schliesslich Michael als Erwachsener, der seine Rolle als Vorleser erneut aufnimmt und der inhaftierten Hanna Bücher auf Kassette spricht. Als Rahmung fungiert die Zeitebene mit dem erwachsenen, von Schuldgefühlen geplagten Michael. Erinnerung – im Roman ein zentrales Thema – ist nunmal aber eine denkbar unfilmische Aktivität und Daldry fallen hierzu auch keine prägnanten Bilder ein. Zu oft sieht man bloss, wie Ralph Fiennes mit gequältem Gesicht in einem Zimmer auf und ab geht, und es kommt der Verdacht auf, dass man hier vor allem dem männlichen Star mehr Leinwandpräsenz verschaffen wollte. Diese Vermutung wird durch die Schlussszene bestätigt, die es bei Schlink bezeichnenderweise nicht gibt: Auf Hannas Wunsch reist Michael nach deren Tod nach New York, um einer Holocaust-Überlebenden ihr gespartes Geld zu übergeben. Zwar ist das einer der wenigen Momente, in denen Fiennes mehr zu tun hat, als gequält das Gesicht zu verziehen, aber nun greifen die sprachlichen Misstöne, die den ganzen Film durchzogen haben, endgültig auf die visuelle und auch auf die inhaltliche Ebene über. Nachdem Hanna ausschliesslich in ihrer mehr als rustikalen Wohnung und in ihrer Gefängniszelle zu sehen war, wartet der Film zum Schluss mit einem Apartment von gigantischen Ausmassen auf, wie es sich – zumal in Manhattan – nur eine erlesen Oberschicht leisten kann. Die Worte, die hier gewechselt werden, erscheinen fast gleichgültig, das Dekor erschlägt sie regelrecht, und mit einem Male ertappt man sich dabei, wie man der Figur ihren offensichtlichen Reichtum missgönnt; mit dieser seltsamen Umkehrung von Opfer und Täter setzt der Film seinen dissonanten Schlussakkord.

The Reader in der Internet Movie Database

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