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Das dunkle Ende – The Dark Knight Rises von Christopher Nolan

Wenn die Wirklichkeit in derart drastischer Weise mit der filmischen Fiktion kollidiert, wie es im Falle des Massakers von Aurora geschehen ist, fällt der Filmkritik eine undankbare Aufgabe zu. Auf einmal muss der Rezensent zu einer Frage Stellung nehmen, für deren Beantwortung er gar nicht qualifiziert ist: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Christopher Nolans drittem Batman-Film und dem Blutbad, das der 24-jährige James Holmes an dessen Premiere angerichtet hat? – Die Frage dürfte ohnehin falsch gestellt sein. Denn wie schon bei unzähligen anderen Filmen, denen eine verrohende Wirkung nachgesagt wurde, von differenzierten Reflexionen filmischer Gewalt wie Stanley Kubricks A Clockwork Orange bis zu pseudo-aufklärerischen Reissern wie Oliver Stones Natural Born Killers, gilt auch für Nolans Batman-Trilogie: Millionen von Zuschauer haben diese Filme gesehen, ohne zu Massenmördern zu werden. Die Ursache – wenn sie denn eindeutig benannt werden kann – muss somit anderswo liegen.

Dennoch sei die Behauptung gewagt, dass sich die Diskussion nicht so sehr auf den Film konzentrieren würde, wenn der Amoklauf beispielsweise bei einer Vorführung von The Amazing Spider-Man stattgefunden hätte. Denn bereits Nolans zweiter Batman-Film The Dark Knight geniesst einen kulturellen Sonderstatus als intellektueller Action-Film, der die Abgründe der amerikanischen Psyche ausleuchtet. Der Regisseur hat damit geschafft, was bislang keinem Superheldenfilm in dieser Weise gelungen ist: Seinen maskierten Helden gleich in mehrfacher Hinsicht in der Realität zu verankern.

Dabei hat der Superheldenfilm von jeher mit einem Realismusproblem zu kämpfen. Er erzählt von Figuren in lächerlichen Kostümen, die offensichtlich unmögliche Taten vollbringen. Im Comic ist dieser Widerspruch noch relativ einfach zu überbrücken; das Medium bedient sich ohnehin der Stilisierung und der Karikatur. Da fällt das knallig bunte Outfit eines Supermans nicht aus dem Rahmen; anders im Spielfilm, in dem das übrige Personal und das Setting mehr oder weniger der realen Welt entsprechen. Nicht umsonst betonten die meisten gelungenen Superheldenfilme der vergangenen Jahre den Karikatur-Aspekt und tendierten deutlich Richtung Actionkomödie.

Nolan ging einen anderen Weg, wobei ihm zupass kam, dass Batman respektive dessen Alter Ego Bruce Wayne nicht über eigentliche Superkräfte verfügt: Wayne hat die Physis eines Spitzensportlers, ist hochintelligent und unermesslich reich; alles, was er tut, ist aber im Prinzip noch irgendwie möglich. Vor allem aber wiesen Nolans Filme einen Look auf, der sich einerseits durch Düsternis, andererseits durch eine Art haptische Sinnlichkeit auszeichnete. Sein Gotham City hatte eine physische Präsenz, wirkte real und greifbar. Gleichzeitig rückte das Innenleben der Figuren ins Zentrum: Das Ringen mit der Doppelidentität gehört zwar zur Grundausstattung jedes Superhelden, doch keiner tat es bislang mit so viel qualvoller Hingabe wie Christian Bale in seiner Rolle als dunkler Ritter.

Die düster-realistische Tonlage war dabei keineswegs vorgegeben. Die populäre Batman-Fernsehserie der 60er war noch das krasse Gegenteil: Farbig, schrill, überdreht und hochironisch – Camp in Reinkultur. Die Wende kam Mitte der 80er Jahre mit Frank Millers Graphic Novel The Dark Knight Returns, von der Nolan sich nicht nur bei der Titelgebung inspirieren liess. Millers Gotham City war keine bunte Comicstadt mehr, sondern ein düsterer Grossstadtmoloch mit brutalen Jugendgangs und korrupten Politikern. Von da an war Batman ein Geschöpf der Dunkelheit, was sich selbst in den inhaltlich gänzlich anders gelagerten Filmen zeigte, die Tim Burton und Joel Schumacher in der Folge drehten.

Insbesondere The Dark Knight spielte zudem geschickt auf aktuelle politische Diskussionen an. Terrorismus und die Frage, welche Mittel für dessen Bekämpfung noch zulässig sind, waren am Ende der Bush-Ära virulente Themen, die der Film aufgriff. Freilich ohne dabei klar Stellung zu beziehen.

Dieser Befund gilt auch für The Dark Knight Rises, der immer wieder den Unterschied zwischen arm und reich ins Zentrum rückt und neben der obligaten Atombombe mit Börsenmanipulationen und einem Volksaufstand aufwarten kann; just diese «tagespolitischen» Elemente können aber nicht restlos überzeugen. Offensichtlich wird hier auf Bankenkrise und Occupy-Bewegung angespielt, doch die augenfälligen Unterschiede verhindern produktive Reibungen. Denn die Rebellion mitsamt ihrem Gericht, das Gothams Elite in Eilverfahren zum Tode verurteilt, ist gerade nicht Ausdruck allgemeinen Unmuts, sondern vom Bösewicht Bane (Tom Hardy) sorgsam geplant. Nolan inszeniert keinen sozialen Konflikt, sondern den klassischen Kampf zwischen Ordnung und Chaos, Gut und Böse.

Dass Bane nicht die irrlichternde Qualität von Heath Ledgers Joker besitzt, ist dabei ein kluger Schachzug. Dieser muskelbepackte Hüne mit seiner sanften Stimme entwickelt schon fast tragische Qualitäten. Lähmend wirkt hingegen der Anspruch, den der Film mit jeder Einstellung verströmt: Hier wird nicht weniger als das ganz grosse Epos angestrebt. Die nötigen Ingredienzen dafür wären durchaus vorhanden: Die Bilder sind spektakulär, das Schauspieler-Ensemble exquisit und der Plot bietet mehrere unerwartete Wendungen. Doch über all dem liegt eine so dicke Schicht Pathos, dass der Film schwerfällig wird und stellenweise die erzählerische Eleganz vermissen lässt. So ist The Dark Knight Rises zwar durchaus sehenswert, kann seinem Vorgänger aber nie das Wasser reichen.

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 26. Juli 2012.

The Dark Knight Rises in der Internet Movie Database.

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