Eine helvetische Weltraumodyssee – Cargo von Ivan Engler
Für Genrekino ist der Schweizer Film definitiv nicht bekannt, für Science Fiction schon gar nicht. Nun tritt Cargo an, dies zu ändern.
Der Film
Nach dem ökologischen Kollaps ist die Erde unbewohnbar geworden, die Überlebenden vegetieren zusammengepfercht in Raumstationen; wer es sich leisten kann, ist längst nach Rhea, einem unberührten Paradies, fünf Lichtjahre von der Erde entfernt, geflüchtet. Da Laura das Geld fehlt, um ihrer Schwester in das ferne Arkadien zu folgen, heuert sie beim Raumfrachter Kassandra als Schiffsärztinfür einen mehrjährigen Flug an. Der Einsatz an Bord der Kassandra erfolgt im Schichtbetrieb: Ein Besatzungsmitglied ist während mehrerer Monate für die Überwachung des Schiffs zuständig, derweil der Rest der Crew im Kälteschlaf liegt. Und wie es die Regeln des Genres verlangen, geht Lauras Schicht nicht reibungslos über die Bühne – auf einmal hört sie Geräusche aus dem Frachtraum …
Mehr als in jedem anderen Filmgenre geht es in der Science Fiction nicht bloss um das Erzählen eines Plots, sondern um das Entwerfen einer ganzen Welt. Was wirklich gelungene Vertreter der Gattung wie Blade Runner oder auch The Matrix auszeichnet, ist in der Regel nicht eine besonders raffinierte Handlung, sondern ein stimmungsvolles Setting, das beim Zuschauer den Eindruck einer abgeschlossenen, in sich funktionierenden Welt vermittelt. Dies macht die Science Fiction in der Produktion auch so aufwendig: Gedreht werden kann nicht an Originalschauplätzen, vielmehr muss ein ganzes Universum – von der Büroklammer bis zum ausgewachsenen Raumschiff – von Grund auf entworfen werden.
Ab in den Kälteschlaf
Es braucht eine gute Prise Besessenheit, um in der Schweiz ein Projekt wie Cargo durchzuziehen. Ivan Engler, die treibende Kraft hinter dem Film, ist zweifellos ein Besessener. Bereits mit seinem Abschlussfilm an der Zürcher Hochschule der Künste hatte er 2000 für Furore gesorgt: In Sachen Budget, Aufwand und Effekte hatte Nomina Domini alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt. Es entspricht Englers Temperament, dass er seinen ersten Spielfilm nicht bescheidener angegangen ist – ganz im Gegenteil: Cargo ist der ehrgeizige Versuch, in der Schweiz erstmals einen ausgewachsenen Science-Fiction-Film zu realisieren. Alleine die epische Produktionsgeschichte, die im für Genrefans hochheiligen Jahr 2001 ihren Anfang nahm, würde genug Stoff für einen eigenen Film bieten.
Den Anspruch des Weltenentwurfs löst Cargo über weite Strecken ein. Die Szenen an Bord der Kassandra sind atmosphärisch gelungen und in der Beschwörung einer klaustrophobischen Stimmung überzeugend – das Vorbild Alien ist hier deutlich spürbar. Den Vergleich mit weitaus teureren Produktionen muss Cargo, sowohl was das Setdesign als auch die Bearbeitung der Tonspur betrifft, keineswegs scheuen. Wirklich sichtbar wird das niedrige Budget nur bei den wenigen actionbetonten Sequenzen: Schnelle Schnitte können hier nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Schweiz schlichtweg das Knowhow für die Inszienierung einer ansehnlichen Prügelei fehlt.
Bei allem Respekt für die Leistung des Filmteams reicht es doch nicht ganz zur Genreperle. Der Plot versteht es zwar durchaus geschickt, bekannte Genre-Elemente neu zu verquicken, doch vor allem im letzten Drittel holpert der Erzählrhythmus: Während die Exposition ziemlich redundant ausfällt, vollziehen sich entscheidende Wendungen gegen Ende stellenweise sehr hektisch. Zuschauern sei empfohlen, sich weniger auf die Handlung zu konzentrieren und stattdessen die Bilder zu geniessen, die im Schweizer Kino bislang einmalig sind.
Cargo-Regisseur Ivan Engler im Interview
Sie haben etwas gemacht, was eigentlich gar nicht möglich ist – einen Schweizer Science-Fiction-Film.
Ivan Engler: Ja, wir haben etwas Unmögliches vollbracht. Und eigentlich ist Cargo nur dank einigen magischen Vorkomnissen überhaupt zustande gekommen. Retrospektiv muss ich sagen, dass ich nicht weiss, wie es hätte klappen können, wenn ich zu bestimmten Zeitpunkten nicht zufällig gewisse Menschen getroffen hätte.
Wie oft mussten Sie sich anhören, dass Sie etwas versuchen, das gar nicht geht?
Oft. Aber nicht zu oft. Es gab immer auch Leute, die begeistert waren. Ungefähr 40 Prozent haben gesagt, ich solle es aufgeben, 60 Prozent sagten: «Mach weiter».
Gab es Punkte, in denen die Pessimisten Recht hatten?
Jemand hat mich gewarnt, dass es Konsequenzen für meine Gesundheit und mein soziales Umfeld haben kann. Und das ist leider alles eingetreten: Ich wurde schwer krank, ich habe meine Freundin verloren und einige Freunde melden sich nicht mehr. Man lebt bei so einem Projekt wie ein Eremit. Das tat mir teilweise auch Leid, aber ich musste dieses Projekt durchziehen.
Die Schweizer Filmförderung ist ja momentan wegen des Sennentuntschi-Debakels in den Schlagzeilen. Wie haben Sie die Förderung erlebt?
Cargo ist mein erster Kinofilm und für Erstlingswerke gibt es eine Begrenzung der Beiträge – was auch richtig ist. Und wir bekamen überall den möglichen Maximalbetrag. Ursprünglich dachten wir, die Fördergremien würden uns auslachen. Tatsächlich war die Förderung aber nie das Problem, das war der unkomplizierteste Teil.
Sie hatten mit Ralph Etter einen Co-Regisseur. Wie kam das zustande?
Wie gesagt, ich wurde sechs Monate vor Drehbeginn schwer krank. Drei Monate vor Dreh musste ich einsehen, dass ich nicht garantieren kann, dass ich jeden Morgen mit voller Energie am Set stehe. So nahm ich jemanden ins Boot, der nur während dem Dreh am Set war und nachher wieder ausgestiegen ist.
Co-Regie ist ja eine heikle Angelegenheit und wird interessanterweise vor allem von Brüdern erfolgreich gemacht. Wie hat das bei Ihnen geklappt?
Ralph Etter ist so etwas wie ein Bruder für mich. Wir haben uns persönlich sehr gut verstanden. Ich denke aber, es war für Ralph nicht einfach. Er kam zu einem Projekt, an dem ich schon seit Jahren arbeite, und musste doch eine gewisse künstlerische Identität wahren. Diese Aufgabe bedingt eine gewisse Grösse. Wir hatten aber nie eine Ego-Diskussion, er hat sich immer zurückgenommen.
Cargo ist der erste Schweizer Science-Fiction-Film. Ist es auch der Schweizer Film mit dem längsten Abspann?
[lacht] Das weiss ich nicht. Aber es haben so viele Leute während so vieler Jahre daran gearbeitet, dass es einfach zehn Minuten Credits gegeben hat. Und ich liess sie so schnell wie möglich laufen.
Wieviele Credits haben Sie selbst im Abspann?
Ungefähr 20.
Das ist wahrscheinlich auch rekordwürdig?
Wahrscheinlich schon, aber das hängt auch mit dem Budget zusammen. Wenn man ein dermassen beschränktes Budget hat und das Herz des Projekts ist, dann ist es logisch, dass man in sehr vielen Departements involviert ist. Und ich hatte wohl als einziger wirklich den Gesamtüberblick.
Wieviel Knowhow gab es in der Schweiz für einen solchen Film?
Es gab überall Erfahrung, aber immer im kleinen Bereich. Es wurden in der Schweiz auch schon Sets aufgestellt. Aber es hat noch niemand mit einem so kleinen Budget und so wenigen Drehtagen 20 Sets in einem Rotationssystem aufgebaut. Und noch niemand musste in der Schweiz 300 Effect-Shots herstellen. An jedem Shot haben bis zu sechs Leute gearbeitet. Wir mussten ein eigenes Verwaltungstool programmieren, um das nur schon verwalten zu können.
Sie sind ein Science-Fiction-Fan. Wie geht man damit um, wenn man genau weiss, dass man mit Genre-Meisterwerken wie 2001: A Space Odyssey oder Alien verglichen werden wird.
Meine Lösung war: bewusstes Zitieren. Ich wollte keine simple Kopie machen, aber ich bin ganz klar durch diese Filme geprägt und zitiere sie bewusst. Dadurch baue ich auch eine Erwartungshaltung auf, die ich dann gezielt wieder breche.
Momentan stecken Sie noch mitten in Cargo drin, gibt es aber schon Pläne für die Zeit danach?
Ja. Ich habe ein Angebot aus Los Angeles. Das kam ganz unerwartet zustande. Ein Blogger, der Fan von Cargo ist – ich weiss auch nicht wieso –, hat einen Clip des Films auf seinen Blog gestellt. Und anscheinend lesen alle grossen Studios diesen Blog. Ich klappe auf jeden Fall eines Morgens mein Notebook auf und habe plötzlich 20 Emails von 20th Century Fox, Sony Pictures und Co,, die wissen wollen, wie es mit den Remake-Rechten aussieht, wie gross das Budget war und so weiter. Aus dem entstand dann ein Agenturkontakt. CAA, die grösste Agentur in Hollywood, hat mich nun unter Vertrag genommen und repräsentiert mich. – Ein Traum ist wahr geworden.
Erschienen in der Basler Zeitung vom 24. September 2009.
Cargo in der Internet Movie Database
-
http://philippe-wampfler.com/ Philippe Wampfler
-
http://www.simifilm.ch Simon Spiegel
-
http://.. nino
-
whaleo
-
Enno



