Welcome to Pandora – Avatar von James Cameron
Im Grunde wäre es passender, wenn James Camerons jüngstes Epos nicht Avatar, sondern Pandora hiesse. Denn der Planet Pandora, der Schauplatz der Handlung, ist die eigentliche Hauptfigur des Films. Cameron hat schon bei früheren Filmen, vor allem bei Titanic, seine Leidenschaft für das detailverliebte Ausgestalten einer filmischen Welt zelebriert, doch gegen Avatar war das Schiffsuntergangsdrama Kinderkram. Damals ging es ja «nur» darum, ein Schiff – zugegeben: ein sehr grosses –, das tatsächlich existiert hat, nachzubauen; bei Avatar dagegen wird ein ganzer Planet zum Leben erweckt.
Science Fiction, vor allem solche, die in der Zukunft oder auf fernen Planeten spielt, war schon immer ein Genre für Weltenbauer. Wie bei der Fantasy hängt die Qualität eines Science-Fiction-Films wesentlich davon ab, ob das Universum der Handlung als in sich stimmig wahrgenommen wird. Hier liegt aber auch bereits der grosse Unterschied zu Fantasy wie Lord of the Rings oder dem Narnia-Zyklus: J.R.R. Tolkiens Mittelerde und C. S. Lewis’ Narnia sind ahistorische Märchenwelten, die mit der Welt, in der wir leben, nichts zu tun haben. Die Grundbehauptung der Science Fiction lautet dagegen, dass sie mit unserer Welt in Verbindung steht, dass das, was erzählt wird, grundsätzlich möglich sein könnte – irgendwo, irgendwann.
Wohlverstanden: Das heisst keineswegs, dass Science Fiction möglich sein muss; ganz im Gegenteil türmen die meisten Filme eine Unmöglichkeit auf die andere; Zeitmaschinen oder Supermans Riesenkräfte sind wissenschaftlich gesehen ebenso Humbug wie die schwebenden Inseln in Avatar. Anders als in der Fantasy, bei der Magie zur Erklärung der wunderbaren Ereignisse herangezogen wird, tritt in der Science Fiction aber mit schöner Regelmässigkeit ein Wissenschaftler im weissen Laborkittel auf, der auch die verrücktesten Erscheinungen noch erklären kann – bei Avatar in der Gestalt der Genreveteranin Sigourney Weaver. In dieser Spannung zwischen Unmöglichem und angeblicher Realisierbarkeit liegt der Reiz der Science Fiction, und Meilensteine des Genres wie 2001: A Space Odyssey oder Blade Runner bleiben nicht zuletzt deshalb in Erinnerung, weil sie den Zuschauer regelrecht in ihre Welt hineinziehen.
In diesem Sinne kann die Geschichte von Avatar auch als Metapher für die Science Fiction insgesamt verstanden werden; die Hauptfigur Jake (Sam Worthington) taucht ebenfalls in eine fremde und wunderbare Welt ein und seine Situation gleicht durchaus jener des Kinozuschauers: Um mit den Einwohnern des Planeten, den riesenhaften, blauhäutigen Na’vi, in Kontakt zu treten, setzen die menschlichen Besucher sogenannte Avatare ein, künstlich gezüchtete Na’vi-Körper, die via Bewusstseinslink – hier wären wieder bei der angeblich möglichen Unmöglichkeit – von einem Menschen gesteuert werden. Während Jake, dessen echter Körper querschnittgelähmt ist, immobil in einem Hightech-Sarkophag liegt, hüpft sein Bewusstsein in einem Na’vi-Körper von Baum zu Baum.
Gemeinsam mit dem Publikum entdeckt Jake staunend eine neue Welt und gibt auch all jenen Recht, die vor der Gefährlichkeit solcher eskapistischer Fantasien warnen: Schon bald zieht der einst toughe Marine sein «falsches» Leben dem echten vor, kümmert sich nur noch oberflächlich um die Bedürfnisse seines menschlichen Körpers und ist nur noch an einem interessiert: möglichst schnell wieder in seinen Avatar-Körper zurückzukehren.
Die vielen Implikationen, die dieser Identitätentausch mit sich bringt, die regelrechte Sucht, die Jake entwickelt, werden von Camerons Drehbuch leider nur am Rande aufgenommen. Der Regisseur, der es in den ersten beiden Terminator-Filmen so meisterhaft verstanden hat, das Zeitreiseparadox jenseits des simplen Actionplots mit religiösen Motiven aufzuladen, zeigt sich in Avatar ungewohnt taub für derartige Untertöne.
Was Cameron in seinem jüngsten Film erzählt, ist im Grunde Dances with Wolves im Weltraum: Denn Jake steht im Dienste rücksichtsloser Imperialisten, die nur an den Bodenschätzen Pandoras interessiert sind. Der Avatar Jake ist für sie eine ideale Gelegenheit, um die Schwächen der Na’vi kennenzulernen. Dass es zwischen den nur scheinbar primitiven Blauhäuten und den technisch hochgerüsteten Eindringlingen zum bewaffneten Konflikt kommen wird, ist von Beginn an absehbar; ebenso absehbar wie Jakes «going native» und seine amourösen Verstrickungen mit der schönen Na’vi Neytiri.
Aber eben: die Geschichte ist ohnehin nicht so wichtig. Dies galt ja bereits für Titanic, bei Erscheinen der teuerste Film aller Zeiten und nach wie vor der grösste Kassenschlager der Filmgeschichte. Als ginge es darum, sich selbst noch einmal zu übertrumpfen, hat Cameron mit Avatar einen weiteren Film der Superlative abgeliefert. Noch sind sich die Experten uneins, wie viele hundert Millionen Avatar verschlungen hat, dass der Film technisch und ökonomisch einen Wendepunkt bedeuten könnte, ist aber unbestritten, denn Cameron hievt mit seinem neusten Werk gleich eine ganze Reihe filmtechnischer Verfahren auf eine neue Stufe.
Da wäre einmal das sogenannte Motion-Capture-Verfahren, bei dem die Bewegungen von Schauspielern digital aufgezeichnet werden: In der Vergangenheit wurde diese Technik schon vielfach eingesetzt, am erfolgreichsten beim ekligen Gollum in Peter Jacksons Lord-of-the-Rings-Trilogie. Der Nachteil von Motion Capture bestand bislang darin, dass das wichtigste Werkzeug des Schauspieler, das Gesicht, kaum erfasst wurde. Mit einer neuen Technik, die auf den Namen «Perfomance Capture» hört, ist dies nun möglich. Ein digital erstellter Na‘vi, dessen Anatomie sich in manchen Punkten stark von der menschlichen unterscheidet, hat nun tatsächlich die Mimik von Worthington oder Weaver. Die digitalen Figuren sind menschlich geworden, die Grenze zwischen Animations- und Realfilm endgültig durchlässig.
Neben zahlreichen Neuerungen auf der Produktionsseite stellt Avatar auch die grosse Bewährungsprobe für das 3D-Kino dar; Cameron setzt als erster bei einem Realfilm ganz auf 3D. Die wirtschaftlichen Implikationen dürften dabei allerdings weitreichender als die ästhetischen: Im Zuge von Avatar sind weltweit Tausende von Kinos, die bislang gezögert hatten, auf digitale Projektionsverfahren umgestiegen. Und tatsächlich: die zusätzliche Raumtiefe sieht beeindruckend aus und Cameron verzichtet glücklicherweise auf plumpe Effekt wie Objekte, die dem Zuschauer ins Gesicht fliegen. Ob die zusätzliche Dimension die Seherfahrung wirklich entscheidend verändert, darf dennoch bezweifelt werden. Sicher ist dagegen, dass die zweieinhalb Stunden 3D die Augen weitaus mehr ermüden als ein herkömmlicher Film.
Cameron war schon immer ein Regisseur, der an Filmtechnik mindestens so sehr interessiert ist wie am Geschichtenerzählen: Terminator 2: Judgment Day besiegelte gemeinsam mit Jurassic Park den Durchbruch der digitalen Tricktechnik und Avatar dürfte, zumindest was das Performance-Capture-Verfahren betrifft, bald einen ähnlichen Status haben. Es gehört zur Ironie oder vielleicht auch nur zur Beständigkeit der Filmgeschichte, dass der Regisseur bei aller technischer Avanciertheit auch mit seinem neusten Werk dem Geist der ersten Science-Fiction-Filme treu bleibt: Als der Filmpionier Georges Méliès 1902 in Le voyage dans la lune eine Gruppe weissbärtiger Wissenschaftler mit einer Kanone auf den Mond schoss, ging es ihm nicht um das Erzählen einer Geschichte. Méliès wollte mit dem ersten Science-Fiction-Film vor allem das Publikum beeindrucken, ihm Bilder und Effekte zu vorführen, die es nie zuvor gesehen hatte.
Nichts anderes geschieht in Avatar: Wenn Jake die Lebensweise der Na’vi lernt und unter Anweisung von Neytiri von Ast zu Ast springt oder auf einer Art Flugsaurier reitend die Lüfte unsicher macht, setzt die Handlung regelrecht aus. Dann geht es nicht mehr um Plot oder um Figuren, sondern um Spektakel, um Schaulust – darum, den Zuschauer mit jeder Einstellung in noch grösseres Staunen zu versetzen.
Erschienen in der Basler Zeitung vom 17. Dezember 2009.
Avatar in der Internet Movie Database
-
Mario Monaro
-
http://www.simifilm.ch Simon Spiegel
-
Mario Monaro
-
http://www.simifilm.ch Simon Spiegel
-
Mario Monaro
-
http://www.simifilm.ch Simon Spiegel
-
Mario Monaro
-
http://www.simifilm.ch Simon Spiegel
-
Mario Monaro

