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Welcome to Pandora – Avatar von James Cameron

Im Grunde wäre es passender, wenn James Camerons jüngstes Epos nicht Avatar, sondern Pandora hiesse. Denn der Planet Pandora, der Schauplatz der Handlung, ist die eigentliche Hauptfigur des Films. Cameron hat schon bei früheren Filmen, vor allem bei Titanic, seine Leidenschaft für das detailverliebte Ausgestalten einer filmischen Welt zelebriert, doch gegen Avatar war das Schiffsuntergangsdrama Kinderkram. Damals ging es ja «nur» darum, ein Schiff – zugegeben: ein sehr grosses –, das tatsächlich existiert hat, nachzubauen; bei Avatar dagegen wird ein ganzer Planet zum Leben erweckt.

Science Fiction, vor allem solche, die in der Zukunft oder auf fernen Planeten spielt, war schon immer ein Genre für Weltenbauer. Wie bei der Fantasy hängt die Qualität eines Science-Fiction-Films wesentlich davon ab, ob das Universum der Handlung als in sich stimmig wahrgenommen wird. Hier liegt aber auch bereits der grosse Unterschied zu Fantasy wie Lord of the Rings oder dem Narnia-Zyklus: J.R.R. Tolkiens Mittelerde und C. S. Lewis’ Narnia sind ahistorische Märchenwelten, die mit der Welt, in der wir leben, nichts zu tun haben. Die Grundbehauptung der Science Fiction lautet dagegen, dass sie mit unserer Welt in Verbindung steht, dass das, was erzählt wird, grundsätzlich möglich sein könnte – irgendwo, irgendwann.

Über den Wolken
Über den Wolken

Wohlverstanden: Das heisst keineswegs, dass Science Fiction möglich sein muss; ganz im Gegenteil türmen die meisten Filme eine Unmöglichkeit auf die andere; Zeitmaschinen oder Supermans Riesenkräfte sind wissenschaftlich gesehen ebenso Humbug wie die schwebenden Inseln in Avatar. Anders als in der Fantasy, bei der Magie zur Erklärung der wunderbaren Ereignisse herangezogen wird, tritt in der Science Fiction aber mit schöner Regelmässigkeit ein Wissenschaftler im weissen Laborkittel auf, der auch die verrücktesten Erscheinungen noch erklären kann – bei Avatar in der Gestalt der Genreveteranin Sigourney Weaver. In dieser Spannung zwischen Unmöglichem und angeblicher Realisierbarkeit liegt der Reiz der Science Fiction, und Meilensteine des Genres wie 2001: A Space Odyssey oder Blade Runner bleiben nicht zuletzt deshalb in Erinnerung, weil sie den Zuschauer regelrecht in ihre Welt hineinziehen.

In diesem Sinne kann die Geschichte von Avatar auch als Metapher für die Science Fiction insgesamt verstanden werden; die Hauptfigur Jake (Sam Worthington) taucht ebenfalls in eine fremde und wunderbare Welt ein und seine Situation gleicht durchaus jener des Kinozuschauers: Um mit den Einwohnern des Planeten, den riesenhaften, blauhäutigen Na’vi, in Kontakt zu treten, setzen die menschlichen Besucher sogenannte Avatare ein, künstlich gezüchtete Na’vi-Körper, die via Bewusstseinslink – hier wären wieder bei der angeblich möglichen Unmöglichkeit – von einem Menschen gesteuert werden. Während Jake, dessen echter Körper querschnittgelähmt ist, immobil in einem Hightech-Sarkophag liegt, hüpft sein Bewusstsein in einem Na’vi-Körper von Baum zu Baum.

Im neuen Körper
Im neuen Körper

Gemeinsam mit dem Publikum entdeckt Jake staunend eine neue Welt und gibt auch all jenen Recht, die vor der Gefährlichkeit solcher eskapistischer Fantasien warnen: Schon bald zieht der einst toughe Marine sein «falsches» Leben dem echten vor, kümmert sich nur noch oberflächlich um die Bedürfnisse seines menschlichen Körpers und ist nur noch an einem interessiert: möglichst schnell wieder in seinen Avatar-Körper zurückzukehren.

Die vielen Implikationen, die dieser Identitätentausch mit sich bringt, die regelrechte Sucht, die Jake entwickelt, werden von Camerons Drehbuch leider nur am Rande aufgenommen. Der Regisseur, der es in den ersten beiden Terminator-Filmen so meisterhaft verstanden hat, das Zeitreiseparadox jenseits des simplen Actionplots mit religiösen Motiven aufzuladen, zeigt sich in Avatar ungewohnt taub für derartige Untertöne.

Was Cameron in seinem jüngsten Film erzählt, ist im Grunde Dances with Wolves im Weltraum: Denn Jake steht im Dienste rücksichtsloser Imperialisten, die nur an den Bodenschätzen Pandoras interessiert sind. Der Avatar Jake ist für sie eine ideale Gelegenheit, um die Schwächen der Na’vi kennenzulernen. Dass es zwischen den nur scheinbar primitiven Blauhäuten und den technisch hochgerüsteten Eindringlingen zum bewaffneten Konflikt kommen wird, ist von Beginn an absehbar; ebenso absehbar wie Jakes «going native» und seine amourösen Verstrickungen mit der schönen Na’vi Neytiri.

Beim gemeinsamen Bogenschiessen kommt man sich näher
Beim gemeinsamen Bogenschiessen kommt man sich näher

Aber eben: die Geschichte ist ohnehin nicht so wichtig. Dies galt ja bereits für Titanic, bei Erscheinen der teuerste Film aller Zeiten und nach wie vor der grösste Kassenschlager der Filmgeschichte. Als ginge es darum, sich selbst noch einmal zu übertrumpfen, hat Cameron mit Avatar einen weiteren Film der Superlative abgeliefert. Noch sind sich die Experten uneins, wie viele hundert Millionen Avatar verschlungen hat, dass der Film technisch und ökonomisch einen Wendepunkt bedeuten könnte, ist aber unbestritten, denn Cameron hievt mit seinem neusten Werk gleich eine ganze Reihe filmtechnischer Verfahren auf eine neue Stufe.

Da wäre einmal das sogenannte Motion-Capture-Verfahren, bei dem die Bewegungen von Schauspielern digital aufgezeichnet werden: In der Vergangenheit wurde diese Technik schon vielfach eingesetzt, am erfolgreichsten beim ekligen Gollum in Peter Jacksons Lord-of-the-Rings-Trilogie. Der Nachteil von Motion Capture bestand bislang darin, dass das wichtigste Werkzeug des Schauspieler, das Gesicht, kaum erfasst wurde. Mit einer neuen Technik, die auf den Namen «Perfomance Capture» hört, ist dies nun möglich. Ein digital erstellter Na‘vi, dessen Anatomie sich in manchen Punkten stark von der menschlichen unterscheidet, hat nun tatsächlich die Mimik von Worthington oder Weaver. Die digitalen Figuren sind menschlich geworden, die Grenze zwischen Animations- und Realfilm endgültig durchlässig.

Neben zahlreichen Neuerungen auf der Produktionsseite stellt Avatar auch die grosse Bewährungsprobe für das 3D-Kino dar; Cameron setzt als erster bei einem Realfilm ganz auf 3D. Die wirtschaftlichen Implikationen dürften dabei allerdings weitreichender als die ästhetischen: Im Zuge von Avatar sind weltweit Tausende von Kinos, die bislang gezögert hatten, auf digitale Projektionsverfahren umgestiegen. Und tatsächlich: die zusätzliche Raumtiefe sieht beeindruckend aus und Cameron verzichtet glücklicherweise auf plumpe Effekt wie Objekte, die dem Zuschauer ins Gesicht fliegen. Ob die zusätzliche Dimension die Seherfahrung wirklich entscheidend verändert, darf dennoch bezweifelt werden. Sicher ist dagegen, dass die zweieinhalb Stunden 3D die Augen weitaus mehr ermüden als ein herkömmlicher Film.

Digitale Animation oder Signourney Weaver?
Digitale Animation oder Sigourney Weaver?

Cameron war schon immer ein Regisseur, der an Filmtechnik mindestens so sehr interessiert ist wie am Geschichtenerzählen: Terminator 2: Judgment Day besiegelte gemeinsam mit Jurassic Park den Durchbruch der digitalen Tricktechnik und Avatar dürfte, zumindest was das Performance-Capture-Verfahren betrifft, bald einen ähnlichen Status haben. Es gehört zur Ironie oder vielleicht auch nur zur Beständigkeit der Filmgeschichte, dass der Regisseur bei aller technischer Avanciertheit auch mit seinem neusten Werk dem Geist der ersten Science-Fiction-Filme treu bleibt: Als der Filmpionier Georges Méliès 1902 in Le voyage dans la lune eine Gruppe weissbärtiger Wissenschaftler mit einer Kanone auf den Mond schoss, ging es ihm nicht um das Erzählen einer Geschichte. Méliès wollte mit dem ersten Science-Fiction-Film vor allem das Publikum beeindrucken, ihm Bilder und Effekte zu vorführen, die es nie zuvor gesehen hatte.

Nichts anderes geschieht in Avatar: Wenn Jake die Lebensweise der Na’vi lernt und unter Anweisung von Neytiri von Ast zu Ast springt oder auf einer Art Flugsaurier reitend die Lüfte unsicher macht, setzt die Handlung regelrecht aus. Dann geht es nicht mehr um Plot oder um Figuren, sondern um Spektakel, um Schaulust – darum, den Zuschauer mit jeder Einstellung in noch grösseres Staunen zu versetzen.

Erschienen in der Basler Zeitung vom 17. Dezember 2009.

Avatar in der Internet Movie Database

9 Kommentare

  • 1
    Mario Monaro:

    An Avatar scheint jeder was auszusetzen zu haben. Dabei ist es der Fantasy-Sci-Fi-Movie, der das geliefert hat, was Matrix oder Lord of the Rings versprochen hatten. Unterhaltung und eine Story, die einen involviert – wenn man es zulässt. Denn sie ist – wie Du ganz richtig bemerkst – Dances with Wolves im 22. Jahrhundert und damit erprobt. Andere sehen es von Pocahontas oder auch von Winetou abgeleitet. Es ist eine Geschichte, die sich in ihren Grundzügen wohl schon mehrmals tatsächlich abgespielt hat und wohl auch ähnlich wiederholen wird, sollten wir eines Tages ausserirdische Welten besuchen und dort zufällig etwas finden, das uns wertvoll ist.

    Es hat aber auch ganz aktuelle Bezüge, z.B. dann, wenn der Ex-Marine darüber sinniert, was für eine schlechte Idee es eigentlich sei Soldaten zu schicken um Frieden zu stiften…

    Das Cameron mit seinen Einstellungen beeindrucken will – und es auch tut – ist doch nichts Schlimmes. Jeder Regisseur möchte das doch. Kubrick wollte mit 2001 dem Zuschauer genauso den Atem rauben, wie David Lean mit Lawrence of Arabia. Da kann ich nichts Schlechtes darin erkennen.

    Der Punkt ist wohl auch hier: man muss den Film am eigenen Selbstverständnis messen. Es macht keinen Sinn Avatar mit anderen Genres zu vergleichen, wo man wohl komplexere Charaktere oder tiefgründigere Stories zeichnen kann als in einem Sci-Fi-Fantasy-Adventure. Avatar steht in der Reihe der phantastischen und phantasievollen Filme, denen einst Ray Harryhausen zu den Aaahs und Ooohs im Publikum verholfen hatte nur das diesmal der Meister des Phantastischen gleich den ganzen Film gemacht hat.

  • 2
    Simon Spiegel:

    Der Punkt ist wohl auch hier: man muss den Film am eigenen Selbstverständnis messen. Es macht keinen Sinn Avatar mit anderen Genres zu vergleichen, wo man wohl komplexere Charaktere oder tiefgründigere Stories zeichnen kann als in einem Sci-Fi-Fantasy-Adventure.

    Ich denke, dass Cameron in der Vergangenheit bewiesen hat, dass auch und gerade im Bereich des SF-Blockbusters mehr möglich ist. Und bei Avatar ist die Story nicht nur nicht sonderlich originell – hier wurde eine altbekannte Story in der plattest möglichen Weise umgesetzt; so ziemlich überall, wo es Potenzial für interessante Wendungen hat, wird dieses verschenkt. Das ganze Avatar-Konzept wird kaum genutzt und Jakes Konflikt wird auf das absolute Minimum reduziert. Damit bleibt der Film leider weit unter den Möglichkeiten des Genres.

  • 3
    Mario Monaro:

    Kannst Du mal ein Beispiel geben bitte, wo man eine interessante Wendung hätte bringen können? Ich schliesse ja nicht aus, dass das möglich gewesen wäre und kann mir vorstellen, dass Cameron sich dann irgendwann nur noch auf die äusserst anspruchsvolle Umsetzung konzentriert hat und an der Story selber nicht mehr viel tweaken wollte.

    Trotzdem finde ich, dass diese unverhofften Twists im zweiten Akt z.B. vieler Horrorstreifen überhaupt keine Bereicherung sind, sondern nur aufgesetzt wirken.

    Wo bitte sind denn die Twists in Terminator 1 (den ich sehr schätze)? Da läuft nun wirklich die ganze Story auf Autopilot. Macht aber nichts, weil es um die Spannung geht. Wird der Terminator seine Opfer zur Strecke bringen oder werden sie sich retten können?

    Es gibt in Avatar so viel zu entdecken, dass man mit (unnötig?) komplexen Wendungen die Zuschauer auch überfordern kann. Wer – ausser den hartgesottenen Fans – hat denn bei Lord of the Rings noch den Überblick über die Figuren? Ich denke Cameron ist mehr oder weniger an das Limit gegangen, dass man einem breiten Publikum zumuten kann um es zu unterhalten. Der Held macht eine Entwicklung durch, der Bösewicht ist wirklich furchteinflössend, es gibt interessante Nebenfiguren, starke Frauenrollen und viel Eye-Candy. Den Weltfrieden wird Avatar nicht bringen und auch die gloale Erwärmung nicht aufhalten. Aber 140 Minuten gute Unterhaltung schon – aber wie gesagt, mich würde sehr interessieren, wo Du als Script-Doctor ansetzen würdest.

  • 4
    Simon Spiegel:

    @Mario: Im Grunde verschenkt Cameron das ganze Avatar-Konzept komplett. Aus der Tatsache, dass Jake in einem fremden Körper steckt, wird überhaupt nichts gemacht. Folgendes Gedankenexperiment: Was wäre, wenn die Na’vi Menschen wären und Jake – wie Costner in Dances with Wolves – unter die Eingeborenen fallen würde? – Es würde sich erstaunlich wenig ändern, denn eigentlich nutzt die Story das Konzept des ferngsteuerten Körpers kaum. Dabei gäbe es hier viel Potenzial – zum Beispiel Widerstände gegenüber dem neuen Körper. Vielleicht fühlt sich Jake ja gar nicht so wohl beim Gedanken, sich mit einem Ausseriridschen zu paaren. Und der ganze Aspekt der unterschiedlichen Realitätsbenen – der Na’vi-Körper wird attraktiver als der menschliche – wird ebenfalls nicht ausgespielt. Daraus hätte man viel machen können, man denke nur an Videodrome oder Total Recall.

    Es geht mir auch nicht um Twists, es geht mir darum, dass man auch als altbekannten Plots was Interessantes machen kann. Der Konflikt zwischen Jaki und Neytiri, der ja von Anfang an vorhersehbar ist, wird weder dramaturgisch noch emotional genutzt, sondern einfach abgehakt. Die Szene, in der Jake gesteht, was sein Auftrag war, müsste ein emotionaler Höhepunkt sein, da müsste der Zuschauer mitfiebern. Das ist aber nicht der Fall. Neytiri ist eine Szene lang wütend, und kaum kommt Jake mit dem Riesenvogel daher, ist alles wieder gut. Warum eigentlich? Und warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, dass man nur ein bisschen höher fliegen muss, um den Vogel zu bändigen?

    Das Lord-of-the-Rings-Argument verstehe ich übrigens nicht recht. Einerseits halte ich diese Filme für sehr gut nachvollziehbar, andererseits hatten Jacksons Filme ja durchaus Erfolg bei einem Massenpublikum.

  • 5
    Mario Monaro:

    Man hätte sicher noch vieles machen können aus diesem ganzen Avatar-Ansatz. Aber die Kunst besteht ja gerade darin sich auf das zu konzentrieren, was die Essenz des Stoffs ausmacht. Cryo-Schlaf wird in nur wenigen Sekunden abgehakt. Warum ein Ex-Marine diesen Job annimmt – wirklich nur des Geldes wegen? – abgehakt in einem Satz. Wie es ist, sich in einem anderen Körper zu bewegen? Abgehakt nach einer Sequenz. Wie es ist, sich mit anderen Wesen zu verbinden? Zwei, drei Sätze dazu müssen genügen. Kurz: der Stoff hat so viel Potential in alle Richtungen, dass jeder etwas findet, das er gerne vertieft gehabt hätte. Cameron hat eine Wahl getroffen, die meiner Ansicht nach für viele funktioniert – aber wohl nicht allen voll gerecht wird.

    Wie er dann in Ungnade fällt, dauert es wirklich nicht lange, bis er und Neytiri wieder zusammenfinden. In Screentime gemessen. Was aber in dieser Zeit alles geschieht ist doch ganz erheblich. Dann zu Deinem Einwand, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist höher als dieser Turuk zu fliegen. Stimmt, das hatte ich mich auch gefragt. Aber es ist ja klar, dass dieser Versuch ein Himmelfahrtskommando war, den nur jemand unternimmt, der nichts, aber auch gar nichts mehr zu verlieren hat. Ein Na’vi möchte normalerweise am Leben bleiben und meidet unnötige Gefahren, viele haben es vielleicht schon versucht und sind dabei umgekommen bis eben auf den einen Vorfahren, dem das gelang. Jetzt hätte man auch zeigen können, wie Jake den Turuk überwältigt, aber eigentlich hätte man sowieso gewusst, dass es ihm gelingt, also – Schnitt und gleich weiter mit der eigentlichen Story, dessen Spannungsbogen man ja nicht verlieren soll.

    Zu Lord of the Rings: also ich halte mich für mindestens durchschnittlich intelligent und habe den Überblick über die immer neuen Bösewichte (und auch andere Figuren) die da auftauchen verloren. Welche Schlacht jetzt schon wieder die entscheidende ist – immer kommt ja NOCH mal eine ist einfach nur ermüdend. Der erste Teil der Trilogie war vielversprechend und in jeder Hinsicht phantastisch. Teil II und III waren einfach more of the same und der Showdown war dann auch eher lahm. Ich habe mich jedenfalls selten so gelangweiligt und die Oscars ausserhalb der Special-Fx nicht so recht verstehen können. Den Publikumserfolg schon, ich habe schliesslich auch drei Eintritte bezahlt und dazu beigetragen. Nein, das ist was für LotR- und Tolkien-Fans, aber nichts für mich. Das gleiche gilt meiner Ansicht nach für Matrix (interessanter Anfang, dann ist aber nichts mehr gekommen ausser konfusem Geschwafel) und Star Wars (Episode IV, der Ur-Film also, ist noch immer das Mass aller Dinge).

  • 6
    Simon Spiegel:

    Cryo-​Schlaf wird in nur wenigen Sekunden abgehakt. Warum ein Ex-​Marine die­sen Job annimmt – wirklich nur des Geldes wegen? – abgehakt in einem Satz. Wie es ist, sich in einem anderen Körper zu bewegen? Abgehakt nach einer Sequenz.

    Wenn all diese Dinge so schnell abgehakt werden, sei die Frage erlaubt, warum sie überhaupt gebracht werden. Wozu die ganze Avatar-Sache überhaupt bringen, wenn daraus nichts gemacht wird? Vielleicht um zu vertuschen, dass hier in höchst unorigineller Weise bloss Pocahontas meets Dances with Wolves and the Last Samurai erzählt wird?

    Aber die Kunst besteht ja gerade darin sich auf das zu konzentrieren, was die Essenz des Stoffs aus­macht.

    Was immer diese angebliche „Essenz des Stoffes“ sein soll – Avatar ist ein Film, dessen wenige Wendungen in jeder Einzelheit 100% absehbar sind. Und das ist langweilig und vor allem unnötig. Dass der Film bei einer ein wenig raffinierteren Story zu komplex geworden wäre, ist doch schlicht und ergreifend Unsinn. Und selbst wenn – ich werde gerne ein bisschen gefordert von einem Film, auch von einem Action-Kracher. Als ich zum ersten Mal Total Recall oder Matrix gesehen habe, gab es anschliessend lange Diskussionen, bis wir alle Windungen der Handlung durchgekaut hatten. Das ist lustig. Und selbst wenn das einigen zu anstrengend sein sollte – es gibt auch noch einige Abstufungen zwischen „völlig vorhersehbar“ und „Verdrehen aller Gehirnwindungen“. Ich verweise einmal mehr auf die beiden Terminatoren, die oberflächlich sehr simpel aufgebaut sind, die aber auf einer zweiten Ebene sehr raffiniert das Zeitreisethema mit religiösen Bezügen verknüpft-

  • 7
    Mario Monaro:

    Elemente, die vergleichsweise schnell abgehakt werden, sind dennoch wichtig, weil sie allfällig spätere Fragen beantworten oder zumindest eine Antwort andeuten. Jeder kann sich seinen eigenen Reim drauf machen, warum Jake sich auf diese Tour einlässt, es gibt einige Anhaltspunkte. Es gibt hier zahlreiche solcher Elemente, die aufzuzählen einfach zu umständlich wäre.

    Also dass jede Wendung absehbar ist halte ich für eine gewagte Behauptung. Wenn man nichts über die Geschichte weiss, hat man doch überhaupt keine Ahnung, wohin das alles führen soll. Selbst am Ende des zweiten Akts – *** SPOILERWARNUNG *** Jake ist festgesetzt – ist einem zwar klar, dass er irgendwie das Ding noch drehen kann. Aber wer kann hier voraussehen, WIE das geschieht?

    Es ist okay, wenn Dir der Film nicht gefallen hat. Es spielt auch keine Rolle ob es ein Publikums- oder Kritikerfolg ist, mir geht es nur darum, dass hier mehr Komplexität und Wendungen und weniger Vorhersehbarkeit gefordert werden und ich nicht sehe, dass das den Film verbessert hätte.

    Ich behaupte:

    a) die Story kann man nicht voraussagen, wenn man sie nicht kennt. Als ich die Trailer gesehen und ein wenig über den Film gelesen hatte, hatte ich keinen Schimmer, worum es jetzt genau gehen wird. Dass Jake sich dann zu Neytiri wird hingezogen fühlen war sofort klar und dass es vor dem finalen Love-Happy-End eine Krise gibt auch. Das ist in allen Love-Stories so.

    b) zusätzliche Wendungen (was denn, NOCH mehr?) hätten dem Film nichts gebracht. Es geht nicht um das Was sondern wie etwas erzählt wird.

    c) Klar muss man nicht jeden Film beim ersten Mal voll durchblicken und kann dann anschliessend diskutieren, recherchieren, was alle Facetten der Geschichte jetzt ausmacht. Aber es MUSS nicht sein. Ein Film kann durchaus auch beim ersten Mal verstanden werden und trotzdem seine Story meisterhaft erzählen. Dances with Wolves verstehen auch Kindergärtner – trotzdem ein hervorragender Film.

    d) James Cameron ist einer der besten Drehbuchautoren unserer Zeit. Ich analysiere seine Filme seit Terminator 1 und stelle fest, dass er noch aus jedem Stoff den er erzählt hat, mit grosser Finesse viel mehr herausholt, als es die üblichen Screenwriter gemacht hätten. Diese Sorgfalt manifestiert sich in Kleinigkeiten, die allfällig aufkeimende Fragen des Zuschauers vorwegnehmen oder beantworten, aber auch im Vermögen, einen Spannungsbogen aufzubauen und durchzuhalten und einen Showdown wirklich als einen Höhepunkt zu inszenieren. Sein Meisterstück ist vermutlich das Drehbuch zu T2, bei dem er im Prinzip den gleichen Stoff aus T1 mit den selben Plotpoints erzählt, OHNE dass der Zuschauer sich dessen auf Anhieb bewusst wird. Avatar ist jetzt nicht sein komplexestes Drehbuch, es liegt irgendwo zwischen Titanic und Abyss. Dafür ist es ein vergleichsweise engagierter Film, der imperialistisches und profitgieriges Verhalten der Menschen/Menschheit kritisiert und das Unvermögen anprangert, nicht in monetären Werten messbare Kostbarkeiten zu schätzen und zu erhalten. Ein Ethno-Öko-Action-Thriller also in einem Sci-Fi-Fantasy-Gewand. So viele Attribute in einem einzigen Film unterzubringen ist auch schon eine Leistung.

    Dann noch zu Deiner Unterstellung ich würde Unsinn erzählen, wenn ich behaupte, dass Filme auch zu komplex werden können: frag doch mal ein paar Leute, was es denn nun mit Matrix auf sich hat. Meistens kommt als Erklärung sogar noch, dass Menschen/Gedanken eine gesteuerte Illusion sind (hatte Fassbinder in Welt am Draht schon erzählt). Aber das wird alles im ersten Teil abgehakt. Wozu noch Teil II und III, ausser einer Action-Orgie, bei dem so ziemlich alles abgefackelt wird, was das Kino überhaupt zu bieten hat. Viel Fluff und wenig Content.

    Ich sage nicht, man hätte am Komplexometer nicht noch etwas mehr schrauben können. Aber es gab viele Herausforderungen bei diesem Film zu meistern und ich denke es wäre wirklich viel verlangt wenn man überall an den Anschlag gehen würde. Solche Filme werden seit Kubricks Tod nicht mehr gemacht.

    Wieviel Wahrheit steckt denn darin:

    1. Kritiker sehen Pressevorführungen und haben wenig Zeit einen Film auf sich wirken zu lassen und müssen sofort mit einem Urteil aufwarten.

    2. Die Erwartungshaltung der Kritiker wird durch die PR im Vorfeld auf ein Höchstmass geschraubt (Meilenstein der Tricktechnik, etc.).

    3. Ein Haufen Kritiker sitzt im Kino mit der Haltung „na mal sehen was das jetzt wieder für ein Scheiss ist“ und im anschliessenden Apéro kann man dann über den Film herziehen – je emotionaler ein Film ist, desto besser geht das. Denn Kritiker kennen weder Schmerz noch Tränen.

    Wer versucht – wie ich – mit nicht allzu hohen Erwartungen einen Film zu sehen und vermeidet Details der Story im Vorfeld zu lesen, hat einen anderen Eindruck – unbefangener jedenfalls. Mir sind auch Special Fx relativ egal. Ich finde noch heute die Originale von Clash of the Titans oder King-Kong packend – trotz nicht ganz zeitgemässer Stop-Motion.

    Ich war auch skeptisch, ob Cameron nach so langer Abstinenz und einem eher mittelmässigen letzten Film nochmals etwas interessantes zu bringen. Und ich finde es ist ihm durchaus gelungen.

  • 8
    Simon Spiegel:

    @Mario

    1. Ich will nicht unbedingt mehr Wendungen und – wie schon mehrfach gesagt – es geht auch gar nicht darum, „an den Anschlag“ zu gehen, sondern darum, dass aus dem bestehenden Stoff auch was gemacht wird und nicht ein altbekannter Plot ohne Variation nach Schema f durchgezogen wird. Ich bin mit Dir ganz einig, dass es darum geht, wie es erzählt wird; und gerade bei diesem wie zeigt der Film eben grosse Defizite. Wenn die Wendungen schon absehbar sind, sollen die wenigstens interessant inszeniert werden.

    2. Vielleicht bin ich ja hellseherisch begabt; aber nachdem ich den Trailer gesehen hatte, hätte ich Dir bereits ziemlich genau sagen können, wie der Hase läuft. Tatsächlich habe ich zu diesem Zeitpunkt gehofft, dass ich falsch liegen und die Sache nicht so vorhersehbar sein würde. Wie Jake die Sache wenden wird, ist ab dem Moment klar, als Neytiri ihm von ihrem heldenhaften Vorfahren erzählt. Man muss diese Szene schon verpennen, um nicht zu merken, dass Jake später den Riesenvogel reiten wird. Da wird dann auch Neugierde aufgebaut wird, wie er das bewerkstelligen wird – die dann durch eine dämliche Erklärung enttäuscht wird.

    3. Ich weiss nicht, warum Du die in der Tat miesen Fortsetzungen von Matrix bringst, um zu „beweisen“, warum der erste Teil zu komplex ist. Tatsache ist, dass der erste Teil relativ komplex, unterhaltsam und gut gebaut ist – und sehr erfolgreich war. Daran ändern Fortsetzungen nichts, ob sie nun gelungen sind oder nicht.

    4. Erspare mir bitte diese Form von Kritikerschelte. Ich liebe Filme, und wenn ich einen wirklich guten Film gesehen habe, bin ich nachher eine Wochen lang glücklich. Sätze wie „Kritiker kennen weder Schmerz noch Tränen“ sind ganz einfach beleidigend (ach ja – Apéros gibt es nach Pressevorführungen leider höchst selten …). Ganz nebenbei: Ich halte meine Kritik eigentlich für einigermassen differenziert; aus ihr sollte auch hervorgehen, dass ich den Film keinewegs so schlecht fand, wie Du anscheinend meinst. Ich habe mich durchaus unterhalten, fand ihn wegen der sehr dürftigen Story aber einiges schwächer, als er hätte sein müssen. Da wäre mit wenig Aufwand auf der Storyseite sehr viel mehr möglich gewesen.

  • 9
    Mario Monaro:

    1) Was interessant ist und wie sehr, da gehen die Meinungen offenbar auseinander.

    2) Schlecht für Dich, denn mit solchen Fähigkeiten ausgestattet gibt es kaum einen Film, dessen Verlauf und Ende Du nicht vorhersehen kannst.

    3) Nicht der erste Teil von Matrix ist zu kompliziert, Teil II und III sind es.

    4) Die Kritikerschelte ist nur zitiert, die stammt nicht von mir – und offenbar scheint sie einen Nerv zu treffen…

    Na lassen wir das – Du bleibst bei Deiner Meinung (=Avatar hat das Potential nicht ausgeschöpft: Schade drum) und ich bleibe bei meiner Meinung (=Avatar hat das Potential nicht ausgeschöpft: aber macht nichts).

    Und tschüss…

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