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DER SPOILER: Am Scheideweg der Genres

Some Like It Hot.

Some Like It Hot – ein Massaker als Ausgangslage für eine der besten Komödien der Filmgeschichte.

«Tragedy is when I cut my finger. Comedy is when you fall into an open sewer and die.» Was in diesem Mel Brooks zugeschriebenen Bonmot zum Ausdruck kommt, ist die alte dramaturgische Weisheit, dass Komödie und Tragödie nahe beieinanderliegen. Letztlich sind die beiden Gattungen nur eine Frage der Perspektive, denn jede gelungene Komödie ist im Innersten eine Tragödie. Das ist auch nicht weiter erstaunlich, denn Komödien bauen massgeblich darauf auf, dass sich jemand in einer mehr oder weniger normalen Situation danebenbenimmt, aus dem Rahmen fällt. Es ist die Diskrepanz zwischen dem, was sein sollte, und dem, was tatsächlich ist, die uns zum Lachen bringt. Zum Beispiel, wenn sich zwei männliche Musiker als Frauen verkleiden oder wenn ein bekiffter Althippie ganz gegen sein Naturell versucht, eine Entführung aufzuklären. Damit eine Figur bereit ist, so deutlich gegen etablierte Normen zu verstossen – seien diese nun sozialer oder privater Art –, muss aber einiges auf dem Spiel stehen. Im Fall der beiden Musiker, bei denen es sich natürlich um die Protagonisten von Billy Wilders unverwüstlichem Some Like It Hot handelt, bildet das blutige Saint Valentine’s Day Massacre den Hintergrund der Geschichte; es ist die Angst, von der Mafia liquidiert zu werden, die den Saxofonisten Joe und den Bassisten Jerry dazu bringt, bei einer Damenkapelle anzuheuern. Beim Dude aus The Big Lebowski – denn der war mit dem Althippie gemeint – geht es zwar zu Beginn nur um einen Teppich, im ganz eigenen Universum des Protagonisten kommt diesem aber eminente Bedeutung zu. – «It really tied the room together.»

Die spannungsreiche Nähe zwischen Humor und Tragödie zeigt sich exemplarisch in Micha Lewinskys jüngstem Film Nichts passiert, in dem die Komödie allmählich, aber unaufhaltsam kippt und schliesslich zum Drama wird. Thomas, der Protagonist des Films, ist von der Anlage her eine zutiefst tragische Figur. Ein verunsicherter Vater, dessen oberstes Ziel es ist, zumindest den Anschein von Familienharmonie zu wahren. Dass alles auseinanderbricht, dass sich seine Frau längst von ihm entfremdet hat und dass sein Chef ihn ausnützt, als er ihm kurzerhand noch Töchterlein Sarah als Feriengast aufhalst – all dies wird von Thomas überspielt. Nichts passiert bezieht seine Komik wesentlich aus der Tatsache, dass Thomas selbst dann noch gute Miene macht, als längst niemand mehr an das gute Spiel glaubt.

Devid Striesow

Devid Striesow als Vater, der es allen recht machen will.

Freilich ist die Komik des Films eine beissende, die ein Lachen mit Widerhaken provoziert. Thomas, der keinen Konflikt erträgt und dies mit scheinbarer Souveränität zu überspielen sucht, ist in Wirklichkeit ein armes Würstchen, und wenn wir über ihn lachen, dann immer im Wissen, dass wir Ähnliches auch schon erlebt haben. Es ist diese Nähe, die Alltäglichkeit, die Nichts passiert von klamaukigeren – reinen – Komödien wie Some Like It Hot unterscheidet. Wie schmal der Grat zwischen Lachen und Beklemmung aber ist, wird spätestens dann offensichtlich, als Sarah eines Abends im Ausgang sexuell missbraucht wird. Nun stellt sich nicht für Thomas, sondern auch für den Film selbst eine Gewissensfrage: Wie soll es nun weitergehen? Für eine Komödie scheint das Thema Missbrauch denkbar ungeeignet. Dabei ist es nicht einmal die Schwere der Tat an sich, die für den Film zum Pro blem wird. Sicher, sexueller Missbrauch ist ein schreckliches Vergehen, aber Mafiosi, die sich gegenseitig umbringen, sind auch keine sonderlich lustige Angelegenheit. Der wesentliche Unterschied liegt denn auch nicht im Ereignis selbst, sondern in den Genremarkierungen. Some Like It Hot macht kein Hehl daraus, eine Komödie zu sein, die Figuren sind alle mehr oder weniger karikiert, und die Regeln des Realismus werden mehrfach missachtet. So ist für uns Zuschauer jederzeit offensichtlich, dass wir zwei Männern in Frauenkleidern zuschauen, das Personal des Films bemerkt dies aber nicht. Das ist natürlich kein Fehler, sondern Teil jener willing suspension of disbelief, der wir uns immer hingeben, wenn wir einen Film schauen oder ein Buch lesen. Wir akzeptieren die «unrealistische» Prämisse für die Dauer des Films, weil wir wissen, dass sie zu den Spielregeln gehört.

Sarah

Sarah ist Opfer und Antagonistin zugleich.

Diese Spielregeln variieren je nach Genre. In einem Musical goutieren wir, dass die Figuren unvermittelt in Gesang ausbrechen und zu tanzen beginnen, und in der Fantasy sorgen weder Zauberer noch Orks für Überraschung. Bei einem Film wie Nichts passiert dagegen sind die Regeln weitaus weniger klar, zumal missbrauchte Mädchen im Gegensatz zu schiesswütigen Gangstern nicht zum Standardinventar des Unterhaltungskinos gehören. Wir bewegen uns jenseits der ausgetretenen Gattungspfade, es fehlen die klaren Leitlinien. Das macht die Gesamtkonstruktion des Films äusserst fragil, es ermöglicht aber einen allmählichen Wechsel der Tonlage, der innerhalb eines etablierten Genregerüsts kaum möglich wäre: Von der schwarzen Komödie hin zum Punkt, an dem es für niemanden mehr etwas zu lachen gibt.

Erschienen im Filmbulletin 2/2016.

Nichts passiert in der Internet Movie Database.

Ein Kommentar

  • 1
    Vater Spiegel:

    Kluges Kind! Deine Analyse leuchtet mir ein. Schöne Grüsse aus Brookline.

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