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Im Innern des Monolithen

Eine gewichtige Publikation zu Kubricks 2001: A Space Odyssey

Das treffendste Bild, um den Status von 2001: A Space Odyssey adäquat zu beschreiben, liefert der Film selbst. Wie der rätselhafte schwarze Monolith, dessen Geheimnis das Zentrum der rudimentären Handlung bildet, steht Stanley Kubricks Science-Fiction-Epos in der Filmgeschichte: ein erratischer Block, geometrisch perfekt, von einer kühlen, geradezu unirdischen Schönheit. Als Kritiker und Interpret kommt man sich schnell vor wie einer der Hominiden, die in der Anfangssequenz ehrfurchtsvoll um das rätselhafte Objekt herumschleichen.

An Literatur zum Film hat es dennoch – oder gerade deswegen – nie gemangelt. Angeblich ist 2001: A Space Odyssey mittlerweile der meistkommentierte Film aller Zeiten. Der Taschen-Verlag fügt dem Berg an Sekundärliteratur nun ein weiteres Buch hinzu. Der Anlass dafür ist einigermassen gesucht. Gefeiert wird nicht etwa das fünfzigste Jubiläum des Kinostarts – das steht erst 2018 an –, sondern der Produktionsbeginn im Frühjahr 1964.

Die Eigenwilligkeit der Setzung ist symptomatisch für das ganze Projekt. Beim Taschen-Verlag hat man längst die Strategie perfektioniert, das Buch als Event zu inszenieren. The Making of Stanley Kubrick’s 2001: A Space Odyssey erscheint in einer streng limitierten Auflage von 1500 Stück; 500 davon inklusive Kunstdruck und signiert von Kubricks Witwe Christiane. Man fragt sich freilich, warum die Frau eines Regisseurs ein Buch über ein Werk ihres Mannes signieren soll. Die banale Antwort lautet wohl: Weil man dem Buch den Nimbus des Aussergewöhnlichen verleihen will.

Die ganze Schachtel
Das Gesamtpaket (Copyright: TASCHEN)

Hier einfach von einem Buch zu sprechen, wäre aber ohnehin eine Untertreibung. The Making of Stanley Kubrick’s 2001: A Space Odyssey bringt gut neun Kilogramm auf die Waage. In der überdimensionalen Kartonschachtel enthalten sind neben zwei Taschenbüchern mit Faksimiles des Originaltreatments und der Produktionsnotizen ein dem Monolithen nachempfundener Metallschuber. Hat man den Deckel entfernt, gibt dieser zwei weitere Bücher preis: einen Band mit Standbildern sowie die Hauptsache, das Making-of von Piers Bizony.

2001: A Space Odyssey war in vielerlei Hinsicht keine normale Produktion. Das Erstaunlichste ist wohl die Tatsache, dass der Film überhaupt realisiert werden konnte. Kubrick überzog nicht nur das keineswegs kleine Budget von sechs Millionen Dollar um mehr als vier Millionen, er schloss seine Geldgeber zudem fast vollständig von der Produktion aus. Während er mit seinem Team in den Shepperton Studios bei London werkelte, wurden Nachfragen konsequent abgeblockt. Kubrick schickte lediglich von Zeit zu Zeit sorgfältig ausgewählte Clips nach Hollywood, die kaum etwas über den Inhalt des Films verrieten. Als sich ein Besuch vor Ort nicht verhindern liess, wies er seine Mitarbeiter an, die Büros mit sinnlosen Organisationsdiagrammen und Grafiken zu schmücken.

Bizonys Buch macht deutlich, dass der Regisseur entgegen dem verbreiteten Klischee keineswegs einen fertigen Film vor Augen hatte, den es bloss umzusetzen galt. 2001: A Space Odyssey war vielmehr ein permanentes Work in Progress. So wird der rätselhafte Monolith in dem von Kubrick gemeinsam mit dem Science-Fiction-Schriftsteller Arthur C. Clarke verfassten Treatment noch als eine Art überdimensionaler Fernseher beschrieben, der den Menschenaffen den Gebrauch von Waffen lehrt. Es brauchte zahlreiche Durchgänge – unter anderem liess Kubrick einen Plexiglasquader giessen, der einen Monat lang auskühlen musste –, bis die Idee des schwarzen Quaders geboren war. Lange spielte der Regisseur zudem mit der Idee, am Ende des Films Ausserirdische zu zeigen, der Band enthält zwei faszinierende Bilder einer entsprechenden Testaufnahme. Am Ende verwarf er die Ideen dann, weil er – wohl zu Recht – befürchtete, dass er damit das Mysterium des Films zerstören würde.

Für Kubricks Mitarbeiter war diese Arbeitsweise nervenaufreibend; fortlaufend mussten sie mit neuen, noch besseren Vorschlägen aufwarten. Egal ob Modelle, Affenkostüme oder die im Film nur kurz sichtbare Anleitung der Schwerelosigkeitstoilette – Kubrick akzeptierte einzig, was ihn vollständig überzeugte, nur um nach ein paar Tagen bereits wieder seine Meinung zu ändern. Bei den Aufnahmen des 18,5 Meter langen Modells der Discovery beharrte er auf maximaler Schärfentiefe, was bedeutete, dass jedes Bild mehrere Sekunden lang belichtet werden musste, bevor die Kamera um einige Millimeter bewegt werden konnte. Ob die Aufnahme tatsächlich sauber war, offenbarte erst der entwickelte Film. Meistens hiess es dann: Das Ganze noch einmal.

An Literatur zur Entstehung von 2001: A Space Odyssey besteht wie gesagt kein Mangel, Bizony selbst hat 2000 bereits den Band 2001: Filming the Future veröffentlicht. Alle diese Publikationen werden vom 560-seitigen Buch – davon über 400 Seiten Bildmaterial – in den Schatten gestellt. Auch 2001-Aficionados entdecken hier reichlich neues Material und erfahren bislang unbekannte Details.

Das Innere der Metallkiste
Der Monolith gibt seinen Inhalt preis (Copyright: TASCHEN)
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Der Regisseur verschwindet im Buchfalz (Copyright: 2014 Turner Entertainment Co.)

So reichhaltig der Inhalt, so ärgerlich die Verpackung. Anders als Kubrick, der unermüdlich nach der richtigen Form für seine Geschichte suchte, hatte das verantwortliche Designstudio M/M den vermeintlich originellen Einfall, den Monolithen als Formgeber zu wählen, ohne Rücksicht auf Inhalt und Leser. Beim Band mit den Filmstills entspricht das Buchformat zumindest der Vorlage. Das gewählte schwarze Papier lässt die Bilder allerdings so dunkel und kontrastarm erscheinen, dass sich die Brillanz des Films bestenfalls erahnen lässt.

Bizonys Making-of lässt drucktechnisch keine Wünsche offen, hier irritiert dafür das extreme Hochformat. Dass man das Buch aufgrund seines Gewichts nur auf einer Unterlage lesen kann, ist noch das kleinste Problem. Zwar gibt es immer wieder ausklappbare Seiten, um besonders grosse Bilder wiederzugeben, dennoch sind zahlreiche Fotos und Zeichnungen über den Buchfalz hinweg gedruckt, was deren Wirkung beträchtlich mindert. Kurz: Das ungewöhnliche Format bringt keinen Nutzen, dafür aber zahlreiche Nachteile.

Von John Lennon stammt der Ausspruch, dass 2001: A Space Odyssey permanent in einem eigens dafür errichteten Tempel gezeigt werden müsste. Wenn es so etwas wie das buchtechnische Gegenstück eines Tempels gibt, dann hat es der Taschen-Verlag mit diesem Ungetüm vollbracht. Und Tempel haben es nun mal an sich, dass sie nicht praktischen Überlegungen folgen, sondern vor allem als Objekte der Verehrung und Anbetung dienen.

The Making of Stanley Kubrick’s «2001: A Space Odyssey». Piers Bizony, M/M (Paris), 4 Bände im Metallschuber, 19,8x44cm, 1386 Seiten,€750

Erschienen im Filmbulletin 6/2014.

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