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Todesflug United 93 von Paul Greengrass

Dass das Leben der beste Drehbuchautor ist, hat man in Hollywood schon vor einiger Zeit entdeckt – deshalb auch der nicht endende Strom von Filmen «based on a true story». Die Gewissheit, dass das Gezeigte auch tatsächlich geschehen ist, soll beim Publikum für einen emotionalen Mehrwert sorgen, oder anders gesagt: Authentizität muss den Mangel an guten Drehbüchern ausgleichen.

In United 93 wird nun ein kein geringeres Ereignis als der 11. September verfilmt. Im Mittelpunkt steht aber nicht der Anschlag auf das World Trade Center, sondern das vierte entführte Flugzeug, das nicht an seinem Zielort – wahrscheinlich das Weisse Haus – ankam, weil die Insassen die Terroristen überwältigen konnten. Ein Stoff, der alles bietet, was grosses Hollywoodkino ausmacht: Ruchlose Bösewichte, Katastrophen und vor allem Durchschnittsmenschen, die sich in der Stunde der grössten Not zusammenraufen, unscheinbare Bürger, die zu Helden werden und im entscheidenden Augenblick das Richtige tun. Ein Film mit garantiert hohem Pathos- und Tränenfaktor.

Um den quasi-dokumentarischen Anspruch zu unterstreichen, agieren in dem Film unbekannte Schauspieler, denen kein fertiges Drehbuch vorlag; stattdessen mussten sie anhand der Informationen, die ihnen zu den realen Personen vorlagen, improvisieren. Piloten und Crew-Mitglieder arbeiten auch ausserhalb des Films in diesen Berufen, ein Teil des Bodenpersonals wird sogar von den damaligen Akteuren verkörpert.

Visuell folgt man dem Trend der Zeit: Eine nervöse Handkamera und ständiger Wechsel zwischen den drei Hauptschauplätzen – dem Flugzeug, einer Militärbasis und der Flugaufsichtsbehörde. Das wirkt mit der Zeit ein bisschen ermüdend, und man wartet eigentlich nur darauf, dass Kiefer Sutherland auftritt und für Ordnung sorgt. Aber eben, hier wird ja nicht einfach eine Geschichte erzählt, sondern die Wirklichkeit nachgestellt. Zweifellos ist United 93 sehr effektiv, wenn es darum geht, den Zuschauer emotional zu packen. Kalt lässt einen das nicht, was angesichts des realen Hintergrunds aber auch nicht erstaunlich ist. Nur bleibt unklar, was Regisseur Paul Greengrass mit seinem Film eigentlich bezwecken will und warum man sich das ansehen soll. Geht es darum, ein nationales Trauma wieder- und nachzuerleben, oder soll der heldenhafte Einsatz der Flugpassagiere gewürdigt werden? Am Ende fühlt man sich schlecht, etwas Neues erfahren hat man aber nicht. So oder so wirkt ein derartiges Nachstellen der Ereignisse nach so kurzer Zeit befremdlich, und wie schon Oliver Hirschbiegels Hitler-Moritat Der Untergang macht auch United 93 deutlich, dass das blosse Rekonstruieren historischer Ereignisse noch kein interessantes künstlerisches Konzept ist.

Erschienen in der cineman.ch.



United 93 in der Internet Movie Database

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