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Toy Story 3 von Lee Unkrich

Lotso, Woody und Buzz
Traue nie einem Bären mit Spazierstock
Woody am Telefon
Konspirative Telefongespräche
Barbie und Ken
Barbie und Ken – als wären sie für einander geschaffen

Als vor 15 Jahren mit Toy Story der erste vollständig digital animierte Langspielfilm in die Kinos kam, war das Misstrauen gross: Drohte der Animation, der anarchistischsten aller Filmkünste, nun die Austreibung des analogen Aberwitzes? Die – unbegründete – Angst beruhte seinerzeit freilich auf einem Missverständnis: Wer je eine der zahlreichen, oft mit ganz altmodischen Verfahren erstellten Entwürfe gesehen hat, die die Pixar-Animateure als Vorstudien anfertigen, erkennt schnell, dass hier Meister ihres Fachs am Werk sind, für die der Computer einfach ein Werkzeug ist wie ein Bleistift oder eine Tuschefeder.

Anderthalb Jahrzehnte nach Erscheinen des ersten Teils trifft Toy Story 3 auf eine grundlegend andere Situation: Pixar-Filme haben mittlerweile Milliarden eingespielt, wurden mit Oscars ausgezeichnet, und nach der Übernahme durch Disney nehmen Pixar-Leute wie John Lasseter – unter anderem verantwortlich für die ersten beiden Toy-Story-Filme – in der Hierarchie des Mickey-Mouse-Konzerns zentrale Positionen ein. Die einstigen Revolutionäre bilden nun das Establishment; selbst drei Dimensionen macht man mittlerweile, allerdings wirkt dieses Verfahren in Toy Story 3 – einmal mehr – recht überflüssig.

Vor einer veränderten Situation sehen sich auch die Protagonisten von Toy Story 3 – der Spielzeugcowboy Woody, der Plastikastronaut Buzz und ihre zahlreichen Freunde, deren einziges Ziel es ist, den Knaben Andy zu erfreuen. Allerdings ist Andy ebenfalls älter geworden und nun auf dem Sprung ins College – Spielsachen braucht er da keine mehr. Die Zukunft unserer Helden ist also ungewiss: Droht der Müllwagen oder ist ein Überleben auf dem Dachstock möglich? Derweil Woody seinem Herrchen die Treue halten will, flüchten seine Gefährten in den Kindergarten Sunnyside, wo die Sonne allerdings nicht für alle Spielwaren scheint. Ein knuddeliger Plüschbär namens Lotso führt hier ein Schreckensregime: Nur eine ausgewählte Elite erhält einen Logenplatz im Zimmer der «Grossen», alle anderen müssen die unsachgemässe und nicht selten rotz- und schleimtriefende Behandlung durch die Kleinkinder über sich ergehen lassen.

Der Mensch mag nur da ganz Mensch sein, wo er spielt, aber auch dieses Spielen will gelernt sein. Im Gegensatz zu den rücksichtslosen Krabblern haben Regisseur Lee Unkrich und sein Team ihren Spieltrieb zur hohen Kunst verfeinert. Denn am witzigsten ist ihr Film natürlich immer dann, wenn auch sie Spielzeug zweckentfremden: Wenn der toughe Astronaut Buzz nach einem Reset plötzlich als feuriger Spanier wiedererwacht oder wenn Mister Potato Head zwischendurch auf einen anderen Körper ausweichen muss und zu Mister Pickle Head mutiert.

Bereits Walt Disney hat seinerzeit gepredigt, dass Animationsfilme primär über ihre kuriosen Nebenfiguren funktionieren müssen. Bei Pixar hat man dieses Credo von Beginn beherzigt, und auch in Toy Story 3 sind es in erster Linie die kleinen Rollen, die dem Zuschauer ans Herz wachsen. Der aufrechte Cowboy Woody dagegen bleibt einmal mehr relativ blass; und wenn der Film eine grosse Schwäche hat, dann, dass Woodys unbedingter Wille, zu Andy zurückzukehren, zu offensichtlich nur dazu dient, die Geschichte am Laufen zu halten. Bei der Dosierung des obligaten Kitsches hat man sich ebenfalls ein wenig vertan: Stellenweise drückt der Film zu unverschämt auf die Tränendrüse. Dennoch: Beim dritten Film einer Serie mag der Vorwurf des phantasielosen Profitstrebens schnell bei der Hand sein, doch an Toy Story 3 prallt derlei ab; dazu ist der Film zu liebevoll, zu witzig, zu verspielt geraten.

Toy Story 3 in der Internet Movie Database

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 29. Juli 2010.

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