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Das Drehbuch vergessen – Spider von David Cronenberg

Über das Werk David Cronenbergs darf man getrost geteilter Meinung sein. Seine Filme umkreisen in fast besessener Weise die zwei ewig gleichen Themen: die zunehmende Technisierung und Entfremdung des menschlichen Körpers und die Frage nach der Realität in einer Zeit medialer Allmacht. Diesen beiden Obsessionen frönt der Kanadier in immer neuen Versuchsanordnungen und Variationen. Wie gesagt: man muss das nicht mögen, und der Vorwurf, dass Cronenberg eigentlich nur die zwei gleichen Filme immer wieder neu verfilmt, ist nicht ganz unbegründet. In seinem neuesten Film betritt der Kanadier nun aber neues Terrain und verzichtet – zarte Gemüter werden es ihm zu danken wissen – fast vollständig auf sein Markenzeichen, seine organisch-technoide Glibberästhetik. Der Horror verlagert sich in diesem Film von der schleimigen  Oberfläche ganz in das düstere Innere der menschlichen Seele.

Spider (Ralph Fiennes), so der Spitzname der Hauptfigur, stolpert zu Beginn des Films aus einem Zug heraus und kehrt zurück an den Ort seiner Kindheit, dem heruntergekommenen Londoner East End. Dass mit diesem Mann, der immer etwas ungelenk in der Gegend rumsteht und dabei unverständliche Satzfetzen von sich gibt, etwas nicht stimmt, ist offensichtlich; es überrascht denn auch nicht zu erfahren, dass Spider soeben aus psychiatrischer Pflege entlassen wurde. Warum er dort war, bleibt vorläufig unklar. Gut möglich, dass er das selbst nicht so genau weiss, sein Gedächtnis scheint seine Arbeit auf jeden Fall nur widerwillig zu verrichten. Doch die vertrauten Strassen seiner Jugendzeit bringen Spiders Neuronen wieder in Schwung. In zahlreichen Rückblenden entsteht das Bild einer Familientragödie: herzloser Vater, sexuell unterversorgte Mutter und ein in ödipale Sehnsüchte verstrickter Sohn.

Gedächtnisstörungen und alle Formen von Amnesie gehören seit jeher zum Grundbestand des Thrillers und anverwandten Genres. Letztes Jahr hat Christopher Nolan mit seinem ingeniösen Memento diesbezüglich einen Markstein gesetzt, und momentan sind neben Spider mit The Bourne Identity und The Man without a Past noch zwei weitere Amnesiefilme im Kino zu sehen. Dass Cronenberg Interesse an diesem Motiv hat, liegt auf der Hand, ermöglicht es ihm doch, die Frage nach dem Wesen der Realität mal von einer anderen Seite her anzugehen. Umso erstaunlicher, dass der Funke nie recht überspringen will. Spider ist – man getraut sich kaum, es zu sagen – ziemlich langweilig.

Dass während des gesamten Films keine rechte Spannung aufkommen will, liegt vor allem an zwei Dingen: Spider präsentiert uns zwei Erzählebenen, die Gegenwart mit dem erwachsenen Spider, und die Vergangenheit mit Spider Junior. Tatsächlich aber dient die Geschichte des Rückkehrers nur als Vorwand für die Rückblenden, ein echter Plot entwickelt sich nicht. Zu Beginn weiss der Film noch dank sorgfältig arrangierten Bildern zu gefallen. Mit viel Sinn fürs Triste werden hier heruntergekommene Strassenzüge und dreckige Fingernägel ins fahle Licht gerückt. Einen ganzen Film trägt das aber nicht. Daran kann auch Fiennes eindrückliche schauspielerische Leistung nichts ändern. Er bleibt insgesamt unterbeschäftigt, da das eigentliche Interesse des Drehbuchs nicht ihm, sondern seiner Vergangenheit gilt. Und damit wären wir auch bei der zweiten, wesentlich grösseren Schwäche des Films. Die blutige Tragödie, die sich da im nicht so trauten Heim des kleinen Spiders zusammenbraut ist leider ein bisschen zu abgestanden. Mehr als vierzig Jahre nach Psycho muss sich ein Film schon einiges einfallen lassen, um auf dem Gebiet der inzestuösen Familienmorde noch für Furore zu sorgen. Cronenberg bietet aber nur Dutzendware und arrangiert lauter altbekannte Elemente in nicht sonderlich origineller Weise neu. Der Film gibt  sich zwar alle Mühe, ein Geheimnis zu inszenieren, dessen Auflösung ist aber nur für Zuschauer überraschend, die ihrerseits an Amnesie leiden.

Spider in der Internet Movie Database

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