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Am Ende der Geschichten – Speed Racer von Andy und Larry Wachowski

Speed Racer

Vielleicht ist ja alles nur ein grosser Irrtum. – Wer heute ins Kino geht, möchte eine packende Geschichte sehen. Doch der Film war nicht immer ein primär erzählendes Medium. In der Frühphase des Films waren die bewegten Bilder an sich schon verblüffend genug, eine Handlung war gar nicht nötig. Film war Teil einer Varietétradition, die Zuschauer erwarteten keine elaborierten Geschichten, sie wollten verblüfft werden. Auch als der Jahrmarktkünstler Georges Méliès 1902 die erste Mondreise auf Zelluloid bannte, diente der dünne Plot nur als Vorwand für die wildesten Tricks. Filmhistoriker sprechen vom Kino der Attraktionen, das erst in den 1910er Jahren vom erzählenden Kino, wie wir es heute kennen, verdrängt wurde.

Doch das Kino der Attraktionen ist nicht tot, sondern zeigt sich in Speed Racer vielmehr quicklebendig. Denn wegen der Handlung sollte man sich den neuen Film der Wachowski-Brüder auf keinen Fall anschauen. Belassen wir es beim Hinweis, dass es um futuristische Autorennen geht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, denn in Speed Racer geht es einzig und allein um die totale audio-visuelle Überwältigung.

Vorlage des Films ist eine japanische Zeichentrickserie aus den 60ern; an dem Projekt einer Kinoumsetzung mit realen Schauspielern bissen sich in den letzten 15 Jahren zahlreiche Regisseure die Zähne aus. Schliesslich landete der Stoff bei den Matrix-Regisseuren Andy und Larry Wachowski, die darin wohl die Gelegenheit sahen, sich mal richtig auszutoben. An Spektakel fehlte es zwar auch im ersten Matrix-Film nicht, doch dieses stand noch ganz im Dienste einer raffinierten Geschichte. Mochten die Schauspieler auch platt sein, Matrix war trotz aller visueller Extravaganz ein erzählender Film. In Speed Racer haben sich die Verhältnisse nun grundsätzlich verändert.

Anders als digitale Produktionen der jüngsten Zeit wie 300 oder Sin City begnügt sich Speed Racer nicht damit, bereits existierende Zeichnungen in Bewegung zu versetzen. Dass die Wachowskis es verstehen, bestehende Elemente zu etwas Neuem zu verschmelzen, haben sie bereits in ihrer Science-Fiction-Trilogie eindrücklich unter Beweis gestellt, indem sie digitale Technik, Anime-Ästhetik und Hongkong-Kampfkunst vereinten. In ihrem neuen Film gehen sie noch ein Stück weiter: Zwar sind die Inspirationsquellen Animationsfilm und Computerspiel deutlich sichtbar, aber die beiden Brüder machen daraus wieder etwas durchaus Eigenständiges. Wenn die Hauptfigur etwa zum Rennen gegen ihren verstorbenen Bruder antritt, der als halbtransparenter Geisterwagen präsent ist, greift der Film zwar auf die Ästhetik von Autorennspielen zurück, dennoch ist das weit mehr als nur der sichtbare Auswuchs der Synergie von Film- und Gameindustrie; es ist eine Erweiterung des filmischen Vokabulars.

Film wird in Speed Racer zur graphischen Kunst, bei der das photographische Bild und die Schauspieler nur noch zwei mögliche Quelle sind. Sogar das Prinzip des Schnitts wird ausser Kraft gesetzt: Manche Szenen sind nicht mehr hintereinander, sondern im Schichtprinzip übereinander arrangiert. Das Ergebnis ist nicht über die ganze Länge des Films hinweg gleich gelungen, aber besonders die Schlusssequenz ist derart furios, dass jeder kritische Verstand auf der Strecke bleiben muss.

Vielleicht kehrt das Kino mit Speed Racer ja zu seinen Wurzeln zurück, und vielleicht wird sich die erzählende Tradition dereinst nur als knapp hundertjähriges Intermezzo in der Geschichte des Film erweisen.

Erschienen in der Basler Zeitung.

Speed Racer in der Internet Movie Database

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