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Songs from the Second Floor von Schweden ist der Vorhof zur Hölle

Man entpuppt sich nicht als hoffnungsloser Kinobanause, wenn man zugibt, noch nie etwas von Roy Andersson gehört haben. Andersson, 1943 in Göteborg geboren, drehte in den Siebzigern zwei Filme. Der zweite, Giliap, war ein vollkommener Flop, und seither verdient Andersson sein Geld als Werbefilmer. In diesem Metier war er äusserst erfolgreich und gewann so ziemlich alle wichtigen Preise. Mit dem Geld, das er in der Welt des schönen Scheins verdiente, baute Andersson sein eigenes kleines Studio auf, in dem er während vier Jahren an Songs from the Second Floor arbeitete.

Songs entwirft eine Welt in geradezu apokalyptischer Erstarrung. Nichts geht mehr, Autostaus dauern ohne ersichtlichen Grund Tage, durch die Strassen ziehen Prozessionen sich geisselnder Flagellanten, und der Mensch ist zum Störfaktor im wirtschaftlichen Prozess geworden, der eliminiert werden muss. Die Protagonisten in dieser Endzeitfabel sind fast alle fett oder sonst unansehnlich, unglücklich sind sie sowieso. Kalle (Lars Nordh) hat gerade sein eigenes Geschäft abgefackelt, um die Versicherungssumme einzusacken. Dass dieser Betrug schief gehen wird, weiss er ohnehin, und so taumelt er russverschmiert mit einem Sack voller Asche, der einmal seine Buchhaltung war, durch eine lebensfeindliche Welt. Kalles ältester Sohn sitzt in der Irrenanstalt – „Er schrieb Gedichte und wurde verrückt.“ –, sein zweiter driftet ziellos durchs Leben. Eine Veränderung wird Kalle in diesem Film nicht durchmachen, er ist ein schuldiger Versager, verfolgt von den Phantomen der Vergangenheit, gebeutelt von den Widrigkeiten der Gegenwart.

Die Art und Weise, wie Andersson seinen Film inszeniert, lässt viele Vorbilder erkennen: Bunuel etwa, mit dem Andersson nicht nur der Hass auf die katholische Kirche verbindet. In der Langsamkeit der Inszenierung – die Kamera bewegt sich kaum, und die meisten Szenen sind ungeschnitten – erinnert der Film auch an Jarmusch. Doch Anderssons Humor ist boshafter. Jarmusch zelebriert einen absurden Humor der Leere, in seinen lustigsten Szenen geschieht oft gar nichts, Anderssons schwarzer Humor wächst dagegen auf dem Leid seiner Figuren. Ein gealterter Zauberer setzt dazu an, einen Freiwilligen auf der Bühne zu zersägen, doch dessen Schreie machen klar, dass bei dem Trick etwas nicht ganz geklappt hat. Die verzögerte Art, in der dieser makabere Scherz präsentiert wird, macht ihn noch grausamer, und noch komischer. Auch der anarchistische Humor der englischen Monty Pythons hat bei diesem Film Pate gestanden. Man fühlt sich unweigerlich an The Meaning of Life erinnert, wenn ein hoher Würdenträger in einem Nobelhotel über den Bartresen kotzt oder bei einer Sitzung eines Regierungssitzung alle Anwesenden entgeistert flüchten wollen, weil sich das gegenüberliegende Hochhaus bewegt hat. Und nicht zuletzt liegt auch der dunkle Schatten von Ingmar Bergman, dem depressiven Grossmeister des schwedischen Kinos, über dem Film. Alle diese Elemente vereinigen sich aber zu einem ganz eigenen Stil. Songs sieht aus, wie ein bewegtes Otto Dix-Gemälde: eine düstere, grünlich-graue Welt, in der meist nur eine vereinzelte Neonröhre für ein wenig kaltes Licht sorgt. Die Architektur ist unpersönlich und eisig, und keiner schreitet ein, wenn ein Ausländer auf offener Strasse zusammengeschlagen wird. Andersson entwirft Bilder, die in ihrer perfekt abgezirkelten Düsternis wie die Negative von Werbebildern wirken.

Songs ist ein ungewöhnlicher Film, der einem nicht so schnell aus dem Kopf geht, und Andersson ist zweifellos ein äusserst originelles Talent, doch man fragt sich, wem sein Hass eigentlich gilt. Vielleicht sind die gesellschaftlichen Verhältnisse in Schweden grundlegend anders als in der Schweiz, aber für hiesige Zuschauer hat Anderssons entmenschlichte, von senilen Greisen und geldgeilen Pfaffen regierte Welt zu wenig Gemeinsamkeiten mit der Realität, als dass man sie wirklich als ernsthafte Satire begreifen könnte. Wirklich gute Satire bewegt sich meistens nur wenig von der Wirklichkeit weg, die Welt von Songs ist aber zu künstlich und zu allegorisch, um den Zuschauer wirklich berühren zu können. Besonders auffällig wird dies an der beissenden Kritik, die der Film an der Kirche übt. Auch wenn der Film aus dieser Häme einige seiner besten Pointen zieht, wirken diese Seitenhiebe doch seltsam anachronistisch. Die Kirche hat in unseren Breitengraden schon so sehr ihr Fett abgekriegt, dass man mittlerweile eigentlich eher geneigt ist, sie unter Artenschutz zu stellen. Songs bleibt so leider nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Höhepunkten des schwarzen Humors, zu einem wirklich grossen Film reicht es leider nicht. Dazu benötigte Anderssons Werk entweder eine echte Geschichte oder gesellschaftlich-politische Relevanz.

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