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Paterson von Jim Jarmusch

Dass sich Jim Jarmusch in der zeitgenössischen Kultur nicht mehr recht zu Hause fühlt, wurde in seinem letzten Film, der Vampir-Elegie Only Lovers Left Alive, überdeutlich. Seine beiden untoten Protagonisten schwelgten regelrecht in der Hochkultur, verreisten nicht ohne Koffer voller Bücher und behängten die Wände mit den Porträts ihrer literarischen Helden. Derweil verrottete im Hintergrund malerisch die einstige Autometropole Detroit. Die Botschaft war klar, wohl etwas zu klar: Die wahren Träger der Kultur werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt, müssen im Dunkeln tätig sein, während die Mehrheit – von den Vampiren abfällig als Zombies bezeichnet – alles vor die Hunde gehen lässt.

Paterson beim Abendspaziergang.

Paterson beim Abendspaziergang.

Das war durchaus schön anzusehen, wirkte aber nicht sonderlich subtil. Als Zuschauer fühlte man sich wie an einem bildungsbürgerlichen Wettlauf, bei dem es darum geht, möglichst viele Referenzen zu erhaschen. Im Grunde passte diese elitäre Haltung auch nicht recht zu einem Regisseur, der in seinem Werk stets mit Begeisterung aus der Populärkultur schöpfte, der etwa in Mystery Train liebevoll dem Elvis-Kult nachspürte, in Dead Man den Western auf den Kopf stellte oder in Ghost Dog: The Way of the Samurai der Hip-Hop-Kultur die Ehre erwies.

So gesehen ist Jarmuschs jüngster Film ebenso eine Weiterführung wie auch eine Umkehr. Der Protagonist trägt wie der Film und das Kaff, in dem er lebt, den Namen Paterson und ist etwas aus der Zeit gefallen. Er weigert sich, ein Smartphone zu kaufen, schaut – wenn überhaupt – im Kino nur Schwarzweissklassiker und hat sein Leben der wohl massenuntauglichsten Literaturform, der Lyrik, gewidmet. Sein Idol ist der Lyriker William Carlos Williams, der tatsächlich in Paterson gelebt und dem Städtlein seinen bekanntesten Gedichtzyklus gewidmet hat.

Paterson bei der Arbeit.

Paterson bei der Arbeit.

An literarischen und anderen Verweisen fehlt es somit auch dieses Mal nicht, im Gegensatz zu Only Lovers Left Alive appelliert Paterson aber nicht fortlaufend an den Bildungsbürger im Zuschauer. Die vielen Hinweise und Querbezüge sind gewissermassen fokussierter und in sich stimmig, spinnen ein assoziatives Netz um das zentrale Thema des Films.

Dieses zentrale Thema ist die Lyrik, wobei es zu kurz greifen würde, Paterson bloss als einen Film zu beschreiben, dessen Hauptfigur in der Freizeit dichtet. Zwar sind die Gedichte – die in Wirklichkeit vom Lyriker Ron Padgett stammen – ein wesentlicher Teil des Films, und Jarmusch geht sogar so weit, ihre Entstehung durch Texteinblendungen sichtbar zu machen. Doch dies dient nicht etwa dazu, Paterson zum literarischen Genie zu stilisieren. Vielmehr verdeutlicht der Film damit sein eigenes formales Prinzip. Wie in den kurzen Gedichten, die Paterson verfasst, geht es auch Jarmusch nicht um den Inhalt, sondern um die Form. Paterson ist als ständiges Spiel von Wiederholung und Abweichung angelegt. Jeden Morgen wacht Paterson neben seiner Frau Laura auf, macht sich sein Frühstück, geht zur Arbeit ins Busdepot, fährt einen Tag lang den Bus, kommt nach Hause und beschliesst den Abend bei einem Bier in der Bar. So geht das eine Woche lang.

Die stets enthusiastische Laura.

Die stets enthusiastische Laura.

Innerhalb dieses stets gleichen Rahmens – wobei das Wochenende naturgemäss anders verläuft – platziert Jarmusch zahlreiche kleine Miniaturen. Angerissene Gespräche im Bus, Begegnungen auf dem Arbeitsweg oder in der Bar sowie die täglich neuen Kreativitätsanfälle der äusserst begeisterungsfähigen Laura. Paterson selbst bleibt bei all dem ruhig, geradezu stoisch – selbst in den wenigen dramatischen Momenten des Films. Man weiss nie recht, ob er glücklich ist oder nicht, ob ihm Laura, die er abgöttisch liebt, nicht doch auch unglaublich auf die Nerven geht. Wirklich bei sich selbst scheint er ohnehin nur, wenn er schreibt, und beim abendlichen Bier. Aber letztlich ist das alles ohnehin nicht so wichtig, denn Paterson ist weniger ein handelnder Protagonist, sondern eher eine Art poetischer Kristallisationspunkt, um den herum Jarmusch sein filmisches Gedicht arrangiert. Manche der Episoden werden am nächsten oder übernächsten Tag weitergezogen, bilden einen grösseren Bogen, aber oft sind es bloss einzelne Motive, Bilder, Phrasen, die der Film wieder aufgreift und so Verbindungen zwischen den Szenen schafft.

Diese lyrische Technik ist für Jarmusch keineswegs neu, denn Handlung im Sinn eines auf einen Höhepunkt ausgerichteten Plots hat den Regisseur nie sonderlich interessiert, selbst in vermeintlich actionreichen Filmen wie Dead Man oder Ghost Dog. Vielmehr waren es jeweils die Szenen zwischen der Action, die Autofahrten, die Momente des Wartens und des Nichtstuns, die den Kern seines Schaffens bildeten. Im Lauf seiner Karriere hat Jarmusch dieses Prinzip, das bereits in seinem Erstling Permanent Vacation sichtbar ist, immer mehr in den Vordergrund gerückt und zum Gegenstand der Filme selbst gemacht. Den bisherigen Höhepunkt stellte diesbezüglich sein vielerorts verkanntes Meisterwerk The Limits of Control dar, der ähnlich wie nun Paterson durch ein Gerüst von Repetition und Variation strukturiert wird und fast vollständig auf einen nachvollziehbaren Plot verzichtet. Der Film war dabei keineswegs eine leere Stilübung, sondern eine ebenso witzige wie intelligente Reflexion über das Wesen von Kunst, darüber, welchen Sinn wir als Zuschauer in ein Werk hineinlegen. An diesem Punkt setzt Paterson an und treibt die Selbstreflexion noch weiter, indem er die Form selber zum Thema macht. In gewissem Sinn hat Jarmuschs Kunst damit einen Endpunkt erreicht.

Siehe zum Schaffen Jim Jarmuschs auch den Artikel «The best films are like dreams you’re never sure you’ve really had.»

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Erschienen im Filmbulletin 8/2015.

Paterson in der Internet Movie Database.

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