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DER SPOILER: Multiple Twists

Wenige Genres sind so twistfreudig und damit auch so spoileranfällig wie der Psychothriller. Das Label ist zwar wie viele Genrebezeichnungen alles andere als eindeutig, aber wenn man darunter Filme in der Nachfolge von Alfred Hitchcocks Psycho versteht (von dem hier schon früher die Rede war), zeichnen sich diese im Gegensatz zum gewöhnlichen Krimi nicht durch die blosse Suche nach dem Mörder aus; im Psychothriller geraten vielmehr grundsätzliche Kategorien der Wahrnehmung ins Wanken, ist der Mörder oft in einem sehr extremen Sinn des Wortes nicht ganz normal.

Anthony Perkins als Norman Bates

Norman Bates, der Urvater aller gespaltenen Persönlichkeiten

Einer der beliebtesten Twists des Genres, den Psycho vielleicht nicht erfunden, aber zweifellos populär gemacht hat, ist die gespaltene Persönlichkeit. Der Mörder – oder auch die Mörderin – ist eine imaginierte alternative Persönlichkeit einer psychisch gestörten Figur. Zwar ist sich die medizinische Fachwelt höchst uneins, ob es die sogenannte dissoziative Identitätsstörung tatsächlich gibt, das Kino kümmert das aber wenig. Seit sich Norman Bates die Kleider seiner toten Mutter übergestreift hat, wurde die Idee der Persönlichkeitsspaltung in unzähligen Filmen weitergesponnen. Dabei stehen einigen wenigen sehenswerten Beispielen – etwa Brian De Palmas Dressed to Kill oder David Finchers Fight Club – unzählige belanglose Streifen wie Hide and Seek oder Secret Window gegenüber, die das Motiv geradezu mechanisch runterspulen.

Einer der geistreichsten Kommentare zu diesem Motiv findet sich in Spike Jonzes Adaptation. Darin hadert die fiktionale Version des realen Drehbuchautors Charlie Kaufman mit ihrem aktuellen Projekt und ihrem Leben. Derweil verfällt sein dümmlicher Zwillingsbruder Donald auf die Idee, ebenfalls sein Glück als Drehbuchautor zu versuchen. Mit der Begeisterung des Ignoranten schreibt er einen Thriller, dessen grosser Clou darin besteht, dass Cop, Killer und Opfer alle multiple Persönlichkeiten der gleichen Figur sind. Die entgeisterte Frage seines Bruders, wie es denn möglich sei, dass sich der Mörder selbst als Geisel nimmt, versteht Donald nicht; das liesse sich mittels Trickaufnahmen schon lösen. Für die visuelle Umsetzung hat er eine besonders subtile Idee: Zerbrochene Spiegel sollen leitmotivisch für die Psyche seines Protagonisten stehen.

Nicolas Cage als die Gebrüder Kaufman

Die beiden filmischen Alter Egos des Charlie Kaufmans

Wie fast alles an Adaptation ist auch Donalds Filmidee in hohem Grade selbstreflexiv. Der reale Kaufman lässt sein filmisches Alter Ego darüber schimpfen, dass kaum etwas abgestandener sei als multiple Persönlichkeiten, macht sich selbst aber des gleichen Vergehens schuldig. Denn Donald, dem die Zweifel seines Bruders fremd sind, der im Schreiben ebenso erfolgreich ist wie bei den Frauen, ist nichts anderes als das Wunschbild Charlies (ob nur des realen oder auch des fiktionalen, macht der Film nie ganz deutlich).

Nichtsdestotrotz: Charlies Kritik, dass wenig so abgedroschen sei wie multiple Persönlichkeiten, ist mehr als berechtigt. Wirksam war diese filmische Kollegenschelte freilich nicht. Auch nach Adaptation wucherten die alternativen Persönlichkeiten fröhlich weiter. James Mangolds Identity, der zwei Jahre nach Jonzes Film ins Kino kam, wirkt schon fast wie eine unfreiwillige Parodie auf diesen, denn seine Handlung – zehn in einem Motel gestrandete Figuren werden nach und nach abgemurkst – findet fast komplett im Kopf eines Psychopathen statt.

Split

Subtile Spiegelmetaphorik im Plakat von Split

Ausgerechnet M. Night Shyamalan, dessen OEuvre wie kaum ein anderes auf Twists aufbaut, beschreitet in seinem jüngsten Film Split nun vermeintlich neue Wege. Nicht weniger als dreiundzwanzig Persönlichkeiten sind hier in James McAvoys Körper zusammen gepfercht, vom Knaben Hedwig bis zur strengen Patricia. Doch macht der Film daraus nie ein Geheimnis; wir und die drei gekidnappten Prot agonistinnen sehen McAvoy von Anfang an in seinen verschiedenen Rollen und können deshalb schon bald die altbekannte Diagnose stellen. Shyamalan räumt das alte Klischee also scheinbar gleich zu Beginn aus dem Weg, um eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Tatsächlich ist das aber nur eine Finte, um ein weiteres Mal den altbekannten Clou zu landen; in raunenden Andeutungen kündigt der vielgestaltige Bösewicht die baldige Ankunft des «Beasts» an. Dieses entpuppt sich schliesslich als Inkarnation Nummer 24, die das Kollektiv den Film hindurch ausgebrütet hat. Der unbekannte Bösewicht ist somit einmal mehr bloss eine erst zum Schluss als solche deklarierte alternative Persönlichkeit.

So besteht der Clou von Split vor allem darin, dass er so tut, als habe er einen neuen Twist auf Lager. Und als ginge es darum, Adaptation beim Wort zu nehmen, ist sich Shyamalan auch nicht zu schade, früh und symbolträchtig einen Spiegel in die Brüche gehen zu lassen, dessen Splitter in der Folge eine wichtige Funktion erhalten. – Eine Wendung hat Donald Kauf mans Script allen realen Filmen derzeit aber noch voraus: Am Ende seines Films verspeist der Killer sein Opfer – und damit auch sich selbst. Wie lange es wohl dauert, bis ein Film auch ganz ironiefrei mit diesem Twist auftrumpft?

Erschienen im Filmbulletin 2/2017.

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