Du bist nicht angemeldet | Anmelden oder Registrieren
HomeWillkommen bei Simifilm TexteFilmkritiken und anderes Lesenswertes zum Thema Film Über michAlles über mich LaTeXFür schöne Texte UtopischesDer Blog zu meinem Forschungsprojekt ImpressumRechtliches

Bleib auf dem Laufenden.

Das grosse Schweigen – The Man Who Wasn’t There von Joel und Ethan Coen

Bebobachten heisst immer auch verändern, und je länger man etwas betrachtet, desto mehr verändert es sich. Diese grundlegende Erkenntnis, das Heisenbergsche Unschärfegesetz, bildet die Grundlage des Plädoyers, mit dem der gewiefte Rechtsverdreher Freddy Riedenschneider (Tony Shalboub) den Friseur Ed Crane vor dem elektrischen Stuhl retten will. Die Geschworenen müssen sich Crane nur lange genug ansehen, um zu erkennen, dass die Dinge nicht so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Diese Argumentation könnte nicht mehr als der skurrile Einfall eines ironisch veranlagten Drehbuchautors sein, doch wenn sie in einem Film der Gebrüder Coen vorgebracht wird, muss man unweigerlich aufhorchen. Denn Ethan und Joel Coen, dem Regietandem, das mit The Man Who Wasn’t There nun seinen neunten Film abgeliefert hat, wird mit schöner Regelmässigkeit der Vorwurf des inhatlosen Ästhetizismus gemacht.

Billy Bob Thornton spielt den besagten Ed Crane. Das heisst, "spielen" ist eigentlich das falsche Wort, denn mit grosser Schauspielkunst hat das, was Thornton in diesem Film tut, im Grunde nicht viel zu tun. Wie ein Granitblock steht er da, mit stets unveränderter Miene, wortkarg und eine Kippe nach der anderen rauchend. Thornton istder Film. Wenn er mit starrer Miene einem Kunden die Haare schneidet, die obligatorische Zigarette im Mund, und im Off seine Stimme zu hören ist – "Me, I don’t say much. I just cut the hair.", – dann ist das mehr als Schauspielerei. Was da auf der Leinwand geschieht, ist pure Magie. Es ist einer jener raren Momente, für die Regisseure alles tun würden; wenn der Film zu unendlich viel mehr wird als die blosse Summe seiner Teile. Wer The Man gesehen hat, wird sich unweigerlich fragen, warum heute so selten mit Schwarzweiss gedreht wird. Dieser Film, dieses Gesicht wäre in Farbe ganz einfach unmöglich, jede Farbaufnahme Thorntons mutet nach The Man wie eine sinnlose Verschwendung an.

Ed Crane hat sein sicheres Auskommen als Friseur und ist verheiratet mit einer Frau (Frances McDormand), die ihn betrügt. Doch im Grunde interessiert ihn das alles nicht, denn er ist irgendwie nicht ganz von dieser Welt. Für ihn selbst interessiert sich auch niemand, er ist ja nur der Friseur – "just the barber". In die monotone Welt des Ed Cranes tritt eines Tages ein halbseidener Geschäftsmann und macht ihm ein Angebot: für 10’000 Dollar könnte sich Ed an einer Firma für chemische Trockenreinigung beteiligen. Eine todsichere Sache, doch Ed hat kein Geld. Also erpresst er den Liebhaber seiner Frau und setzt damit eine ganze Abfolge von Katastrophen in Gang. An ihrem Ende sind vier Menschen tot, drei mussten für Verbrechen sterben, die sie nicht begangen haben.

Man kann vielerorts lesen, The Man Who Wasn’t There sei eine Hommage an den film noir. Ich bin mir nicht sicher, ob dem wirklich so ist. Das beginnt schon bei dem Stil des Filmes. Sicher, The Man ist ein Schwarzweissfilm, aber was Roger Deakins hier auf die Leinwand malt, ist ein ganz anderes Schwarzweiss, als man es von film noirs eigentlich gewohnt ist. Die typischen Vertreter dieses Genres sind in extremem low key gefilmt, die Kontraste sind scharf, und weite Teile des Bilds versinken in totaler Finsternis. Gerade in dieser Finsternis spielen sich dann die Geschichten ab. Da im Dunkeln sitzt das Undurchschaubare, das Unbekannte, das Chaos. Das Schwarzweiss von The Man fühlt sich ganz anders an: es ist weich, abgestuft, hat viele Grautöne, es besitzt Textur. Und es gibt viel Weiss. Man hat geradezu den Eindruck, als würde hier für einmal das Weiss die Geschichte erzählen. Und auch diese Geschichte ist alles andere als typisch noir. Es gibt zwar Verbrechen und Tote, falsche Entscheide führen auch hier zu grossen Tragödien, und kleine Leute verstricken sich in Dinge, denen sie nicht gewachsen sind. Aber film noirs sind Grossstadtfilme, ihr Personal sind Privatdetektive, professionelle Mörder, Spieler, Huren und andere Bewohner der Halbwelt. All das fehlt im jüngsten Film der Coens vollkommen. Doch was wohl am Auffälligsten ist: es gibt keinen Sex, kein erotisches Knistern und keine Verführung. Frances McDormand betrügt ihren Ehemann zwar, sie ist aber das krasse Gegenteil einer femme fatale. Die Welt von The Man ist nicht der Sündenpfuhl Grossstadt, sondern ein spiessiges amerikanisches Kaff der fünfziger Jahre. Die existenzielle Unsicherheit der Kriegszeit, die den Fatalismus des film noirs erst ermöglichte, hat der abgesicherten Wohlstandsgesellschaft Platz gemacht. Hier ist nichts aus den Fugen geraten, im Gegenteil: in Ed Cranes Welt, der Welt der Trockenreinung und des Time Magazines, ist alles so wohlgeordnet und sauber, dass es ihn erstickt. Ed muss – und da liegt wohl der tiefere Sinn des Filmtitels – gar nicht wirklich da sein, um seinen Platz, den Platz des Friseurs, auszufüllen. Er ist ein Geist, und als er einmal etwas verändern will, geht alles schief.

Sein Verteidiger Riedenschneider bezeichnet Ed in seinem Plädoyer als den modernen Menschen. Liest man zu viel in The Man hinein, wenn man ihn als fundamentale Kritik an dem Leben versteht, das dieser Mann führen muss? Ist es so abwegig, in diesem scheinbar so aufs Oberflächliche fixierten Film eine beissende Kritik am american way zu sehen? Je länger ich mir den Film ansehe, desto unsicherer werde ich.

Ein Kommentar

  • 1
    Mario Monaro:

    Der Setup gehört zu der Sorte, bei der mit minimalsten Eingriffen in den Status Quo ein Maximum von Katastrophe erzielt wird. Und das macht der Film meisterhaft. Und tatsächlich könnte man meinen, dass uns die Geschichte dieses Nobodies sagen will: die ganze Welt befindet sich in einem ausbalancierten Zustand. Die kleinste Änderung daran lässt alles zusammenbrechen. Jeder Versuch, ja jede Illusion eines Ausbruchs aus der alltäglichen Banalität wird umgehend mit der Höchststrafe geahndet.

    Ganz besonders muss man die Schwarzweiss-Fotografie hervorheben. Richtig, der Film hat viele Grautöne und lehnt sich meiner Ansicht an die B-Movies der 50-er, z.B. die von Jack Arnold an. Damit wird Alltäglichkeit vermittelt, ganz im Gegensatz zu den expressionistischen harten Kontrasten, die jede Einstellung mit Bedeutung aufladen. Gerade aber in dieser Alltäglichkeit, die keine Bedrohungen, kein latent vorhandes Chaos vermuten lässt, wird auch die Identifikation mit der Hauptfigur erleichtert. Wir sollen nicht Zuschauer sein, sondern barber.

Kommentar schreiben

HTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>