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Der Feind in meinem Bett – Lust, Caution von Ang Lee

Das scheinbar unbeschwerte Hin- und Herspringen zwischen den Kulturen, war schon immer Ang Lees Markenzeichen. Auch mit seinem neusten Film Lust, Caution vollführt er nach Brokeback Mountain wieder einen grossen Sprung: Von den schwulen Cowboys der 1970er Jahre geht es ins China zur Zeit des 2. Weltkriegs. Zwar steht auch dieses Mal im weitesten Sinne eine unmögliche Liebe im Mittelpunkt, hier enden die Gemeinsamkeiten aber bereits.

Hongkong im Jahre 1938: Wang Jiazhi (Wei Tang) schliesst sich einer patriotischen Schauspielgruppe an, um die chinesische Bevölkerung gegen den japanischen Aggressor zu mobilisieren. Eine erste Aufführung wird zum Erfolg, doch drängt es die ungestümen Studenten danach, mehr zu tun. Sie kommen überein, den Beamten Yi (Tony Leung), der mit den Japanern kollaboriert, unschädlich zu machen. Zu diesem Zweck tun sie das Einzige, was sie einigermassen beherrschen: Theater spielen. Wang soll sich als Frau eines reichen Geschäftsmannes ausgeben und eine Affäre mit Yi beginnen.

Wei Tang und Tony Leung

Meisterhaft zeigt der Film die Bemühungen der jungen – in jedem Sinn des Wortes – Amateure. In einer Mischung aus Abenteuerlust und patriotischem Eifer stürzen sie sich auf die Mission, die sie im Grunde in jeder Hinsicht überfordert. Etwa als die Frage aufkommt, ob Wang denn überhaupt ihre Frau stehen kann, wenn es tatsächlich zur Affäre mit Yi kommen sollte. Da die junge Frau sexuell genau so unerfahren ist wie der Rest der Truppe, kommt dem einzigen der Freunde, der dank Bordellbesuch keine Jungfrau mehr ist, die Aufgabe zu, Wang in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einzuführen – alles fürs Vaterland. Diese Szenen sind in ihrer Knappheit und ihrer unterkühlten Surrealität ebenso gelungen wie der Mord, den die Jungspione später begehen. Opfer ist allerdings nicht Yi. Der Plan geht schrecklich schief und endet in einem sinnlosen Blutbad.

Zwei Jahre später: Wang ist inzwischen in Shanghai, ebenso Yi, der mittlerweile einen hohen Regierungsposten innehat. Der chinesische Widerstand nimmt Kontakt mit Wang auf; sie soll wieder in ihre alte Rolle schlüpfen und sich erneut an Yi heranmachen. Das gleiche Spiel wie vor zwei Jahren, nur sind alle Beteiligten professioneller und die Einsätze höher geworden.

Wie in seinem letzten Film lässt sich Lee auch dieses Mal wieder Zeit; die Ereignisse in Hongkong, die für sich schon fast einen Film abgeben, sind nur der Auftakt. Die Hauptsache ist die Affäre zwischen Wang und Yi, der sich als sadistisches, im Grunde aber todunglückliches Scheusal entpuppt, dessen Faszination sich Wang bei aller Abscheu doch nicht entziehen kann. Das alles ist wieder gekonnt gemacht, vom Schauspiel über die Kameraarbeit bis zur Ausstattung. Umso enttäuschender ist es, dass der Hauptteil des Films nicht an den Beginn herankommt, dass die drastischen Sexszenen trotz des behutsamen Anfangs ihre Wirkung nicht entfalten, dass vor allem das entscheidende Element, Wangs Liebe zu Yi, nicht nachvollziehbar wird. Man wünscht sich fast, Lee hätte einen nur halb so langen Film gemacht, er wäre doppelt so eindrucksvoll gewesen.

Erschien auf cineman.ch.

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