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Grosse Fragen – Wer war Kafka von Richard Dindo

Wer war Kafka? Die Antwort auf diese Frage kennen wohl die meisten: Prager Jude, Versicherungsangestellter und Schriftsteller, und in dieser Eigenschaft ein meisterhafter Beschwörer existenzieller Unsicherheit, ein Autor, der in seinen Texten die absurde Grausamkeit des 20. Jahrhunderts vorweg zu nehmen schien. Wer aber war Kafka wirklich? Eine Frage, die die Literaturwissenschaft seit Jahrzehnten umtreibt und die einen Berg an Literatur hervorgebracht hat. An Kafkas Werk wird wie an keinem zweiten deutlich, wie problematisch der Versuch sein kann, das Werk eines Schriftstellers auf dessen Biographie zurückzuführen. Längst wurden Familie und Freundeskreis Kafkas bis die in letzten Winkel erforscht, haben findige Germanisten auch die entfernteste Cousine Kafkas ausgegraben; Aufschluss über sein Schaffen bringen diese genealogischen Exzesse allerdings kaum.

Und nun versucht Richard Dindo die Frage in seinem Film zu beantworten und geht dabei gewissermassen zur Quelle zurück, zu den Tagebüchern und Briefen Kafkas und Zeugnissen jener Menschen, die ihn persönlich gekannt haben. In einer Art gestellter Dokumentation treten Max Brod, Felice Bauer, Dora Diamant und andere auf und sprechen über ihre Beziehung zu dem rätselhaften Schriftsteller. Schauspieler verkörpern die Zeitzeugen, treten vor die Kamera und sprechen authentische Texte, Kafka selbst – gesprochen von Ulrich Matthes – ist nur im Off zu hören. Dazwischen Bilder von Prag, zeitgenössische Photographien, Kafkas Grab, ein Film irgendwo zwischen Dokumentation und Essay.

Beim Versuch, die titelgebende Frage zu beantworten, lässt Dindo eine andere Frage leider völlig ausser Acht: Für wen ist dieser Film eigentlich gedacht? Kafkaliebhaber werden hier kaum etwas Neues erfahren. Das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, den Hass auf seine Heimatstadt Prag, von der er sich doch kaum lösen konnte, die missglückten Verlobungen und Liebesaffären – das dürfte allen, die sich für Kafka interessieren, längst bekannt sein, und bei Kafka-Unkundigen wird es kaum Neugier für das schriftstellerische Werk wecken, zumal der Film völlig darauf verzichtet, Auszüge aus den Erzählungen zu verwenden.

Zudem ist das Kafka-Bild, das der Film entwirft, reichlich naiv. Dindo scheint der Gedanke fremd zu sein, dass sich Kafka auch in seinen privaten Aufzeichnungen der literarischen Stilisierung und Überhöhung bedient haben könnte, dass sein Leben möglicherweise doch nicht ganz so schrecklich war, wie er es uns in seinen Texten weismachen will. Kafka hat, wie allgemein bekannt sein dürfte, Brod darum gebeten, seinen literarischen Nachlass nach seinem Tod zu vernichten. Brod aber hatte seinem Freund schon zu Lebzeiten erklärt, dass er diesem Wunsch auf keinen Fall nachkommen werde. Dass Kafka diese Aufgabe dennoch jenem Menschen anvertraute, von dem er mit Sicherheit wusste, dass er sie nicht erfüllen würde, sagt einiges über sein Talent zur Selbststilisierung – noch über den Tod hinaus – aus. Der Film nimmt Brods Aussage und ähnliche Episoden in Kafkas Leben allerdings nicht zum Anlass, um nach Brüchen in der kafkaschen Selbstinszenierung zu forschen. – Gemäss eigener Aussage nahm Kafka für den adoleszenten Richard Dindo die Rolle eines geistigen und literarischen Erziehers ein; wie Wer war Kafka? zeigt, hat diese pubertäre Begeisterung bis heute keiner kritischeren Sicht Platz gemacht.

Erschienen auf cineman.ch.

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