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In den Eingeweiden der Vereinten Nationen – The Interpreter von Sydney Pollack

Als die Schweiz 2002 zum letzten Mal über den Beitritt zu den Vereinten Nationen abstimmen musste, war oft der Vorwurf zu hören, dass die Diplomaten im „New Yorker Glaspalast» vor allem sinnlos Steuergelder verschleuderten. The Interpreter gibt nun Einblick in das Leben im Glaspalast; Sydney Pollack durfte für seinen Politthriller erstmals in den den Gebäuden der UNO filmen, ein Privileg, das sogar Alfred Hitchcock verweigert wurde. Pollack mag zwar nicht der grössere Regisseur als Hitchcock sein, der bessere Diplomat ist er aber jeden Fall, denn sowohl Kofi Annan wie auch der Sicherheitsrat gaben ihr Einverständnis zu dem Dreh.

Das Placet der höchsten UNO-Gremien erfolgte freilich nicht aus ganz uneingennützigen Gründen, denn die Interpreter ist nicht nur ein Plädoyer für die stille Friendensarbeit der UNO, sondern führt auch vor, dass am UNO-Hauptsitz nicht nur Papier produziert wird. Ganz im Gegenteil kann die Arbeit bei den Vereinten Nationen geradezu mordsspannend werden, wie die Übersetzerin Silvia (Nicole Kidman) am eigenen Leibe erfahren muss.

Spätabends kehrt die Spezialistin für afrikanische Sprache noch in ihre Übersetzerbox zurück, da überhört sie ein Gespräch im Hauptversammlungssaal: Zwei Gestalten unterhalten sich konspirativ im seltenen Ku-Dialekt: Ein afrikanisches Staatsoberhaupt soll während seiner Rede vor der Vollversammlung ermordet werden. Kaum hat sie den entscheidenden Satz gehört, wird sie von den Verschwörern auch schon entdeckt, ist die Thrillermaschinerie in Gang gebracht. Natürlich alarmiert sie umgehend den Sicherheitsdienst. Doch Agent Keller (Sean Penn), der den Fall übernimmt, ist misstrauisch, denn Silvia ist tiefer in die Angelegenheit verstrickt, als sie zunächst zugibt; ihr eigener Bruder gehört zu den erbitterten Gegnern des bedrohten Präsidenten. Doch auch Keller selbst hat seine Probleme: Gerade eben hat er seine Frau verloren – für Penn mal wieder eine Gelegenheit, sich als Grossmeister des Tränensacks zu profilieren.

Je tiefer Keller gräbt, je mehr er über Silvias Vergangenheit erfährt, desto verworrener wird die Situation, desto undurchsichtiger ist, wer hier mit und gegen wen intrigiert. Und vor allem gerät auch Keller in einen moralischen Zwiespalt. Soll der bedrohte Politiker, ein übler Despot und Schlächter, der tausende von Menschenleben auf dem Gewissen hat, tatsächlich beschützt werden?

Das ist übliche Genrekost, routiniert durchgezogen, mit einigen wirklich spannenden Momenten, einer angenehm dezent gehaltenen Liebesgeschichte aber auch einem kapitalen Fehler in der Handlungslogik. Doch rückt der Plot ohnehin vor der eigentlichen Hauptfigur in den Hintergrund: dem UNO-Gebäude selbst. Der Film kostet den exklusiven Schauplatz voll aus, und wenn The Interpreter auch alles andere als normalen Diplomatenalltag zeigt, so ist es doch faszinierend, einmal ins Innere jenes Baus zu sehen, dessen Fassade in den Nachrichten so oft gezeigt wird. Die Kabinen der Übersetzer, die Hintertreppen und Sicherheitskontrollen, kurz die Eingeweide der Vereinten Nationen sind der eigentliche Star von Pollacks Film. Am Ende ist The Interpreter auch weniger ein Thriller als ein feuriges Plädoyer für die Arbeit der UNO, und das ist für einen Hollywoodfilm heutzutage eine schon fast subversive Haltung.

Erschienen in der BZ vom 14. April 2005.

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