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Dickhäuter – Elephant von Gus van Sant

Sieht man einem Menschen, der über die Strasse geht, an, ob er schwul ist oder nicht. Sagen äussere Merkmale etwas über das Innere aus? Können wir wissen, was ein Mensch denkt? Die Frage, die die Hetero-Homo-Begegnungsgruppe in Gus van Sants Film Elephant diskutiert, bildet in leicht abgewandelter Weise das Leitmotiv, die Grundfrage des Films: Konnte man den beiden Schülern, die an der Highschool von Columbine ein Massaker anrichteten, ansehen, was sie vorhatten?

Van Sant wagt sich in seinem neuen Film an ein überaus schwieriges, vielleicht unmögliches Thema, er versucht, einen Film über einen Vorfall zu machen, dessen vollkommene Sinnlosigkeit nur Sprachlosigkeit hervorruft.

Elephant begleitet eine handvoll Schüler am Tag des Massakers. In langen Fahrten folgt die Kamera den Protagonisten durch die endlosen Schulhausgänge, dokumentiert den Schulalltag. Oft sind die Figuren nur von hinten zu sehen, frontale Grossaufnahmen sind selten. Van Sant untergräbt damit jeden Versuch der Psychologisierung. Wir dringen nicht in das Innere der jungen Menschen vor, sie bleiben uns weitgehend fremd. Wir erfahren nicht, warum sich Michelle standhaft weigert, im Turnunterricht Shorts anzuziehen, oder warum ein anderer Schüler im Unterricht mit Rasierschaum beworfen wird. Das ist ebenso Teil der schulischen Routine wie der Photographie-Club oder das Bulimietrüppchen, das sich nach jeder Mahlzeit in fast ritueller Weise auf die Toilette begibt, um sich dort zu übergeben.

Und dann sind da die beiden Jungen, die beschlossen haben, Amok zu laufen. Sie sehen auch nicht gross anders als ihre Kameraden, weder besonders unglücklich noch verrückt. Plötzlich stehen sie, bis an die Zähne bewaffnet, im Schulhausflur und schiessen jeden nieder, der ihnen über den Weg läuft. Der kurze Moment, wenn die beiden in voller Kampfmontur im Gang stehen und beschliessen loszulegen, gehört zu den eindrücklichsten im ganzen Film. Im Vordergrund die beiden kampfbereiten Teenager, im Hintergrund die Silhouetten anderer Schüler, die vorbeihasten und nicht sehen, was sich hier anbahnt. Ein groteskes Bild, das schmerzhaft vorführt, wie fragil unsere Sicherheit ist, wie wenig es braucht, um die Gesellschaftsordnung komplett umzuwerfen, und wie machtlos wir gegen eine solche Tat sind.

Elephant will nicht erklären; der Film weigert sich standhaft, Wege aus der Ratlosigkeit aufzuzeigen. Das ist konsequent und dem Regisseur hoch anzurechnen, vollends überzeugen kann das Konzept aber nicht; nicht zuletzt, weil am Ende doch immer wieder Erklärungssplitter in den Film eingestreut sind. So darf das obligate gewalttätige Computerspiel nicht fehlen, und damit jedem klar wird, worum es hier geht, wird später beim Amoklauf kurz eine Einstellung zu sehen sein, die aussieht wie direkt aus dem Spiel. Das ist plump und zeigt vor allem, dass van Sant keine Ahnung von Computerspielen hat. Natürlich begeht der Film nicht den Fehler, hier einen eindeutigen Grund für den Amoklauf festzumachen, die Szene ist nur eine kleine Facette. Warum muss aber ausgerechnet ein Dokumentarfilm über Hitler im Fernsehen laufen, als die beiden Jungs das frisch gekaufte Gewehr auspacken, und warum muss es direkt vor der Bluttat noch zu einer homoerotischen Episode kommen?

Sind diese Einsprengsel Teil eines Erklärungsversuchs, oder führt van Sant die Klischees bewusst vor, um zu zeigen, wie wenig sie zur Erklärung der Tragödie taugen? Die Absicht bleibt unklar, und entsprechend auch der Grundtenor des Films. Ist das Massaker ein unerklärlicher Ausbruch der Irrationalität, unvorhersehbar und nicht zu verhindern, ein Einbruch des Bösen in unsere Welt, dem wir letztlich nichts entgegenzusetzen haben. Oder ist es die logische Folge einer gefühlskalten Gesellschaft; Metaphysik oder soziales Problem? Falls letzteres van Sants Absicht war, ist er gescheitert, denn der Schulalltag, den er vorführt, ist nur für denjenigen schockierend, der schon lange nicht mehr die Schulbank gedrückt hat. Die Monotonie und die hundert kleinen Grausamkeiten, deren Zeuge wir sind, unterscheiden sich nicht gross vom Schulalltag vor zehn oder vor fünfzig Jahren.

Was soll man mit diesem Film anfangen, wie ihn bewerten? Vielleicht wirkt ein Vergleich mit Michael Hanekes 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls erhellend: Wie van Sant geht auch Haneke von einem realen Ereignis aus und zeigt, wie es dazu kam, dass ein Student im weihnachtlichen Wien in einer Bank Amok lief. Auch Haneke folgt einer Vielzahl von Figuren, und auch er weigert sich, zu psychologisieren oder einfache Erklärungen zu konstruieren. Sein Wien ist aber so gefühlskalt und emotionslos, die Figuren derart isoliert und kommunikationsunfähig, dass die Bluttat nicht nur nachvollziehbar wird, sondern wie eine eigentliche Befreiung wirkt. Wenn wir auch rational nicht erklären können, was hier genau geschieht, fühlen wir es doch nach. Am Ende von Elephant herrscht dagegen nur Ratlosigkeit, wir sind so schlau wie zu Beginn. Das ist angesichts der realen Tragödie sicher nicht die verkehrteste Reaktion, aber für einen Film doch ein bisschen zu wenig. Um ratlos zu sein, reicht es, tagtäglich die Zeitung zu öffnen.

Elephant in der Internet Movie Database

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