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DER SPOILER: Der Gorilla in unserer Mitte

Es gibt einen lustigen Test aus der Kognitionspsychologie, bei dem sich die Probanden einen kurzen Film ansehen müssen, in dem sich zwei Dreierteams, das eine in schwarze, das andere in weisse T-Shirts gekleidet, gegenseitig je einen Basketball zuwerfen. Die Versuchsteilnehmer erhalten den Auftrag, zu zählen, wie oft die weissen Spieler den Ball werfen. Vermeintlich eine nicht sonderlich schwierige Konzentrationsübung, doch das Experiment hat einen unerwarteten Dreh: Mitten im Ballgetümmel betritt eine Frau in einem Gorilla kostüm die Szene, hält in der Mitte des Bildes an, klopft sich auf die Brust und tritt wieder ab. Ein alles andere als dezenter Auftritt, doch rund die Hälfte der Probanden nimmt den Affen nicht wahr, übersieht schlicht, wer da mitten im Bild steht (die Studie, in deren Rahmen dieser Test entwickelt wurde, trägt den schönen, auf den Film von Michael Apted anspielenden Titel «Gorillas in Our Midst»).

Die Psychologie nennt dieses Phänomen Unaufmerksamkeitsblindheit. Da unser Gehirn nicht alle Informationen, die es erhält, verarbeiten kann, muss es auswählen, und wenn wir uns auf ein Detail konzentrieren, wird vieles andere ganz einfach ausgeblendet. Filmregisseure wissen das freilich schon lange. Filme sind nicht zuletzt raffinierte Aufmerksamkeitslenker. Mit Close-ups, Schnitt, Schärfenverlagerungen, Geräuschen, Musik und diversen anderen Mitteln sorgen sie dafür, dass wir stets dorthin schauen, wohin wir sollen. Dass dies auch so geschieht, zeigen Untersuchungen von Filmzuschauern mit sogenannten Eye-Trackern, die messen, wohin jemand seinen Blick richtet. In einer halbwegs normalen Spielszene unterscheiden sich die Blickbewegungen der untersuchten Zuschauer kaum, alle schauen stets dorthin, wo die Action ist respektive wo gesprochen wird. Und wenn auf der anderen Seite des Bilds plötzlich ein Auto explodiert, ein Monster durch die Wand bricht oder sich jemand die Kleider vom Leib reisst, wandert das Auge mit hoher Zuverlässigkeit dorthin.

Eye-Tracker

Untersuchung mit Eye-Trackern im Rahmen eines Experiments an der Zürcher Hochschule der Künste.

Als Zuschauer sind wir somit weitaus weniger frei, als wir gemeinhin annehmen. Der Film hat uns im Griff, und gerade wenn es um Twists und unerwartete Wendungen geht, machen sich dies die Filmemacher zunutze. Um ein in früheren Kolumnen schon mehrfach erwähntes Beispiel anzuführen: Das Publikum von The Sixth Sense hat im Grunde keine Chance, zu merken, dass der von Bruce Willis gespielte Kinderpsychologe Malcolm Crowe den ganzen Film hindurch tot ist. Nachdem er in der ersten Szene angeschossen worden ist, taucht Crowe anschliessend wieder auf. Dass er in der Zwischenzeit gestorben ist und beerdigt wurde, überspringt der Film, und da das Ableben Crowes in der Folge nie explizit erwähnt wird, wandert unsere Aufmerksamkeit zu dem, was wir irrtümlicherweise für den eigentlichen Plot halten – zum Jungen Cole, den Crowe therapieren soll. Den gewalttätigen Auftakt vergessen wir schlicht.

The Sixth Sense

Ich sehe was, was du nicht weisst.

Viele Zuschauer neigen dazu, sich nach einem Film wie The Sixth Sense an den Kopf zu fassen und sich darüber zu wundern, wie es den Filmemachern gelingen konnte, einen derart an der Nase herumzuführen. Dabei ist die Leistung des Films diesbezüglich weitaus weniger aussergewöhnlich, als es den Anschein haben mag. Dass sowohl das Publikum als auch Crowe die Hinweise übersehen, ist ein typisches Beispiel für Unaufmerksamkeitsblindheit. Beide sind so sehr damit beschäftigt, Ballwürfe zu zählen – sprich: Coles seelische Probleme zu lösen –, dass sie dabei das Offensichtliche übersehen. Obwohl im Gegensatz zum Gorilla-Experiment keine explizite Anweisung erfolgt, lenkt The Sixth Sense unsere Aufmerksamkeit ganz gezielt in die falsche Richtung. Weg vom schwer verletzten Crowe, hin zum von Ängsten gepeinigten Cole.

Das Gorilla-Experiment lässt sich mit den gleichen Probanden nicht wiederholen. Wer verstanden hat, um was es geht, wird den Riesenaffen nicht mehr übersehen. Unser Gehirn muss mit seinen Ressourcen haushälterisch umgehen, wenn es aber einmal weiss, worauf es zu achten hat, wird es das auch in Zukunft tun. Just hier liegt denn auch ein Problem für typische Twist-Filme wie The Sixth Sense. Nicht nur sind sie beim wiederholten Schauen meist weitaus weniger interessant, weil die Überraschung des ersten Mals wegfällt, das Filmerlebnis kann schon beträchtlich anders als intendiert ausfallen, wenn wir als Zuschauer vorgewarnt werden. Das muss gar kein ausgewachsener Spoiler sein. Es reicht der Hinweis, dass das Ende ganz überraschend ist, dass etwas geschehen wird, das alles auf den Kopf stellt, um unsere grauen Zellen auf Touren zu bringen. Sicher werden nicht alle entsprechend vorgewarnten Zuschauer den Clou vorzeitig erraten, viele werden sich vielmehr bereitwillig ablenken und auf die falsche Fährte führen lassen. Wenn wir die Warnung, dass es anders kommen wird als erwartet, im Hinterkopf behalten, verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit aber auf jeden Fall. Dann zählen wir nicht mehr die Ballwürfe, sondern lauern die ganze Zeit auf den Auftritt des Gorillas.

Erschienen im Filmbulletin 3/2017.

Ein Kommentar

  • 1
    Dein Vater:

    Interessant – ich kannte das nicht. Auch gut geschrieben. Weiter so, mein Sohn.

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