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DER SPOILER: Das Spiel mit dem Durchblick

Colin McKenzie

Colin McKenzie, der angeblich vergessene neuseeländische Filmpionier.

Dass auch der Dokumentarfilm unerwartete Wendungen kennt und somit keineswegs spoilerresistent ist, habe ich in der vorletzten Ausgabe diskutiert. Komplizierter verhält es sich mit einer Gattung, die dem Dokumentarfilm zwar ähnelt, die dessen Prämissen aber gezielt untergräbt. Die Rede ist vom sogenannten Mocku mentary, von Filmen also, die auf den ersten Blick wie Dokumentarfilme aussehen, die aber von frei erfundenen Dingen erzählen. Bekannte Beispiele sind This Is Spinal Tap über eine fiktive Heavy-Metal-Band, Peter Jackson und Costa Botes’ Forgotten Silver über den neuseeländischen Filmpionier Colin McKenzie oder Opération lune, der den Beweis antritt, dass die Aufnahmen der Apollo-11-Mission das Werk Stanley Kubricks sind.

Seit den neunziger Jahren sind Mockumentarys, auch als Folge von Reality-Formaten, zwar viel präsenter als früher, wirklich neu ist die Form aber nicht. Das fingierte Tagebuch oder der angeblich authentische Bericht sind alte literarische Formen, und auch Orson Welles’ legendäres Hörspiel The War of the Worlds bediente sich analoger Verfahren (dass die Massenpanik, die diese Sendung ausgelöst haben soll, ihrerseits eine Erfindung der Medien ist, gibt der ganzen Sache noch einen zusätzlichen Dreh). Als früher filmischer Vertreter schliesslich kann David Holzman’s Diary von 1967 gelten, der die Konventio nen des Direct Cinema und dessen Pathos reiner Beobachtung auf die Schippe nimmt.

Opération lune

Wurde die Mondlandung in Wirklichkeit im Studio gedreht?

Was den Mockumentary spoilertechnisch interessant macht, ist die Tatsache, dass es bei dieser Form keineswegs darum geht, das Publikum zu täuschen. Ein Mockumentary ist nicht einfach ein Dokumentarfilm, der eine Unwahrheit erzählt – was es natürlich auch gibt –, sondern ein Spiel mit dokumentarischen Formen, das erst reizvoll wird, wenn man es als Spiel erkennt. Der Mockumentary ist gewissermassen «selbstspoilernd»; er will als Fake erkannt werden und gibt deshalb laufend entsprechende Hinweise. So dürften die meisten Zuschauer von Forgotten Silver spätestens dann hellhörig werden, wenn der Film erzählt, wie der jugendliche McKenzie Tausende Eier klaute, um damit im Do-it-yourself-Verfahren Film emulsion herzustellen. Das ist dann doch zu viel des Guten und für die meisten wohl ein klares Signal, dass an dieser Geschichte etwas faul ist.

Hat man die Täuschung einmal durchschaut, verschiebt sich das Interesse; im Vordergrund steht nun, wie der Film sein Geflunker verpackt und wo er augenzwinkernd signalisiert, dass alles nicht so ernst gemeint ist. Bei einem Film wie Opération lune kommt noch das Staunen darüber hinzu, dass es den Filmemachern gelungen ist, Zeitzeugen wie Henry Kissinger, Donald Rumsfeld oder Christiane Kubrick frei erfundene Statements in den Mund zu legen. Wobei aufmerksame Zuschauer freilich bemerken werden, dass die Aussagen umso vager werden, je mehr sich der Film seinem Kern nähert. So sind die Interviews mit Kubricks Witwe und seinem ausführenden Produzenten Jan Harlan sehr allgemein gehalten; kein Wunder: Beide waren nicht in das Projekt eingeweiht und wurden unter falschem Vorwand interviewt.

Obwohl sich der Mockumentary in aller Regel als Spiel zu erkennen gibt, scheint es ebenso zum Genre dazuzugehören, dass zumindest Teile des Publikums die Hinweise missachten und das Gezeigte für bare Münze nehmen. Im Fall von Forgotten Silver, der erstmals am neuseeländischen Fernsehen gezeigt wurde, gab es nicht wenige Zuschauer, die erbost reagierten, als sie erfuhren, dass der neu entdeckte Nationalheld reine Erfindung war.

Exit Through the Gift Shop

Wer ist der Regisseur von Exit Through the Gift Shop?

Ein besonders perfides Spiel treibt Exit Through the Gift Shop. Der Film über die Street-Art-Szene erzählt vordergründig davon, wie aus dem talentlosen Amateurfilmer Thierry Guetta der ebenso talentlose, aber enorm erfolgreiche Künstler Mr. Brainwash wird. Exit Through the Gift Shop enthält viel zweifellos authentisches Material und gewährt Einblicke in eine faszinierende Subkultur. Aber irgendetwas an der Geschichte geht nicht auf. Zu absurd ist manche Wendung, und vor allem inszeniert der Film unterwegs einen frappierenden Rollen- und Perspektivenwechsel – Guetta mutiert vom aussenstehenden Beobachter und Filmemacher zum Protagonisten seines eigenen Werks. Tatsächlich ist auch nicht er, von dem ein Grossteil des gefilmten Materials stammen soll, als Regisseur aufgeführt, sondern Banksy, jener geheimnisvolle Superstar der Street-Art-Bewegung, den Guetta den halben Film hindurch vor die Kamera kriegen will. Noch deutlicher als durch einen solchen Tausch von Akteur und Chronist kann ein Film eigentlich kaum markieren, dass er weit mehr tut, als bloss reale Ereignisse wiederzugeben. Allerdings ist die Ausführung derart raffiniert, dass man sich selbst in der Academy von dem kunstvollen Spiel verwirren liess: Exit Through the Gift Shop war 2011 für Oscar für den besten Dokumentarfilm nominiert.

Erschienen im Filmbulletin 7/2016.

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