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Von echten Helden – 300 von Zack Snyder

Seit auch das Hollywoodkino von postmoderner Ironie erfasst wurde, sind für echte Helden schwere Zeiten angebrochen. Da empfiehlt sich die Flucht in die Antike, wo‘s noch wahre Heroen gibt. Der klassische Actionfilm, in dem wahre Männer gegen das Böse kämpfen, ist in den Neunzigern immer mehr zur selbstironischen Komödie verkommen. Für die Traumfabrik ein veritables Problem, denn sie braucht mythische Gestalten, zu denen der Zuschauer ehrfurchtsvoll aufblicken kann. Also suchte man neue Betätigungsfelder für die letzten echten Männer. Der Fantasy- und Science-Fiction-Boom aber auch die Wiederbelebung des Sandalenepos sind alles Versuche, der Leinwand neues heroisches Land zu erschliessen, denn in fernen Zeiten und Ländern ist echtes Heldentum noch möglich.

Einer anderen Strategie bediente sich vor zwei Jahren Sin City: Vollkommene Stilisierung war die Devise. Digital nachbearbeitet, in kontrastreiches Schwarzweiss getaucht, schaffte der Film das Kunststück, seine Figuren gleichzeitig zu reduzieren und zu überhöhen. In der Tuschewelt von Sin City herrschten endlich wieder klare Verhältnisse; Schwarz und Weiss, Gut und Böse waren eindeutig verteilt, nur vereinzelte rote und gelbe Flecken sorgten für Differenzierung.

Vor diesem Hintergrund erscheint es als cleverer Schachzug, den Comic 300 zu verfilmen. Nicht nur stammt diese Graphic Novel wie auch die Vorlage zu Sin City aus der Feder von Frank Miller, der Stoff bietet auch die nötige mythische Distanz. Erzählt wird der heldenhafte, von Beginn an aussichtslose Kampf einiger weniger Spartaner gegen das immense Heer der Perser. Eine Geschichte über und für wahre Männer, die Miller ohne viel Federlesens, dafür aber graphisch umso furioser erzählt. Was dem Plot an Komplexität fehlt, macht Millers zeichnerisches Genie zumindest teilweise wett. Wie er extrem reduzierte Schattenrisse und fein ausgearbeitete Detailzeichnungen nebeneinander setzt, wie er mit der Aufteilung der Seite spielt und sie mal in kleine Panels zergliedert, dann wieder mit grossflächigen Gemälde auftrumpft – das zeugt von grosser Meisterschaft.

Ähnlich wie Robert Rodriguez bei Sin City tritt auch Regisseur Zack Snyder mit dem Anspruch an, der millerschen Vorlage in Geist und Strich so treu wie möglich zu bleiben. Folglich agierten auch hier die Schauspieler mehrheitlich vor blauem Hintergrund, und ein Grossteil des Bildes stammt aus dem Computer. Die Farben sind ausgeblichen und verfremdet, nachträglich aufgetragenes digitales Korn soll die kongeniale Kolorierung von Lynn Varley imitieren, und das Blut, das hier reichlich spritzt, ist offensichtlich gemalt und trägt zum bewusst nicht-realistischen Look bei.

Trotz allem technischen Aufwand und obwohl manche Szenen durchaus sehenswert sind, erreicht 300 aber nie die visuelle Überwältigung, die Sin City zumindest am Anfang bot. Dazu ist Snyder dann doch zu wenig konsequent, fürchtet sich zu sehr vor totaler Stilisierung, ist nicht abwechslungsreich genug, und Millers ausgeklügelten Bildarrangements hat er auf der Ebene des Schnitts überhaupt nichts entgegenzusetzen. Die ewigen Schlachtszenen wirken erstaunlich schnell repetitiv und langweilig.

Während die visuelle Opulenz in Sin City zumindest zu Beginn von der monotonen Handlung ablenken konnte, werden die Schwächen des Plots bei 300 umso schneller sichtbar; zumal Snyder die Vorlage um einige fragwürdige Elemente anreichert. Da werden ausgerechnet die Spartaner mit ihrer rigiden Klassengesellschaft zu Vorkämpfern der Freiheit erhoben. Und in einem komplett neuen Handlungsstrang sehen wir zudem, wie Gorgo (Lena Headey), die Frau von König Leonidas (Gerard Butler), der bereits mitten im Kampfgetümmel wütet, beim Ältestenrat für mehr militärische Unterstützung plädiert. Aber die korrupten Pazifisten in der Schwatzbude haben natürlich keine Ahnung, was es braucht, um Krieg zu führen, und so ist es nur verständlich, dass sich Leonidas über Parlament und Gesetz hinwegsetzt, um die Freiheit gegen die Perser zu verteidigen – ein Schelm, wer da nach aktuellen politischen Parallelen schielt.

Doch würde man 300 zu viel Ehre antun, wenn man ihn wirklich als politisches Parabel verstehen würde, dazu ist der Film zu unausgegoren. Schliesslich wird hier der Kampf einiger Rebellen gegen eine arrogante Grossmacht erzählt, und nicht ganz zufällig hat es trotz aller behaupteter Werktreue eine Bemerkung Leonidas‘ nicht in den Film geschafft: „Leave Democracy to the Athenians“.



300 in der Internet Movie Database

Ein Kommentar

  • 1
    Mario Monaro:

    Testosterongetränktes Popcorn-Kino. Nicht mehr, aber auch nicht weniger…

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