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Die Macht der Erinnerung – 2046 von Wong Kar-Wai

Wenn man sich professionell mit Filmen beschäftigt und jede Woche mindestens zwei-, dreimal in einem Kinosessel Platz nimmt, stellen sich mit der Zeit unweigerlich gewisse Abnutzungserscheinungen ein: Man entwickelt eine gewisse Gleichgültigkeit gegen das Gesehene. Man sieht immer noch gern Filme, erfreut sich an gut Gemachtem, ärgert sich über Dummheiten und offensichtliche Fehler, aber die grosse Offenbarungen, die Momente totaler Begeisterung, die am Anfang der Karriere als Kinogänger standen, die einen dieses Medium überhaupt erst lieben gelernt haben, sind rar geworden. Was nicht heissen soll, dass es sie nicht mehr gibt. Hin und wieder gelingt es einem Film, einen so zu verzaubern und in den Bann zu schlagen, dass man sich anschliessend, beim Versuch, der Verzückung in einer Kritik Herr zu werden, wie ein blutiger Anfänger vorkommt. Diese Momente der Entrückung werden selten und damit nur umso kostbarer. Ein Film, der dieses kleine Wunder vollbracht hat und stets von Neuem vollbringt, ist In the Mood for Love, Wong Kar-Wais sinnestrunkene Beschwörung einer unerfüllten Liebe.

Fünf Jahre später kommt mit 2046 nun endlich Wongs neues Werk ins Kino, und natürlich sind die Erwartungen gross, und gross sind auch die Schwierigkeiten, diesem Film wirklich gerecht zu werden, so mächtig ist die Erinnerung an den Vorgänger. Auch Wong selbst scheint sich nur schwer von seinem letzten Film lösen zu können, denn 2046 knüpft in vielem direkt an In the Mood for Love an. Die auch dieses Mal von Tony Leung dargestellte Hauptfigur ist wieder der Journalist Chow; scheinbar die gleiche Figur und doch muss mehr mit ihr geschehen zu sein, als das neue Clark Gable-Schnäuzchen vermuten liesse. Aus dem der Liebe entsagenden Zauderer ist ein veritabler Frauenheld geworden, der Affäre an Affäre reiht: An keine Frau will er sich binden, zu gross ist die Angst vor Verletzung; und natürlich kann er der Liebe dennoch nicht entgehen, taumelt er von Liebesunglück zu Liebesunglück.

Ist das nun der gleiche Chow wie aus In the Mood for Love, oder hat sich im im Hintegrund mehr verändert, als die vertraute Oberfläche suggeriert? Denn auch formal knüpfen Wong und sein Hauskameramann Christopher Doyle an ihren letzten Film an. Alles ist wieder da: Die intensiven Farben, die von Mauern und Fenstern halb verdeckten Körper, die einer Symphonie gleich arrangierten und komponierten Bilder, die präzise gesetzten Zeitlupenaufnahmen und natürlich die überiridsch schönen Frauen in Seidenkleidern mit hohem Kragen. Und auf der Tonspur dürfen weder der Tango noch Nat King Cole fehlen.

2046, das war die Nummer des Hotelzimmers, in dem sich die Liebenden in In the Mood for Love trafen; 2046 ist auch dieses Mal eine Nummer auf einer Tür, hinter der sich eine unglückliche Liebe entspinnen wird; ausserdem ist es der Titel des Science Fiction-Romans, den Chow schreibt. Die verschiedenen Ebenen, Chows Vergangenheit und Gegenwart und die Handlung seines Romans, fliessen zusammen zu einem Reigen von Liebesbegegnungen. Wong verwebt nicht nur unzählige Bezüge an seinen letzten Film, 2046 ist auch in vielem die mal geplante aber nie gedrehte Fortsetzung zu Days of Being Wild.

Liebe ist für Wong, den grossen Romantiker des zeitgenössischen Kinos, nur im Konjunktiv möglich; entweder hat man sie schon verpasst oder noch nicht erreicht. Im Hier und Jetzt kann es keine erfüllte Liebe geben, nur Sehnsucht und Melancholie. Raum und Zeit werden dabei austauschbar: 2046, das ist in Chows Roman Ort und Jahr, das ist die Stadt und die Zeit, in der sich nichts ändert, die Zuflucht aller unglücklich Liebenden, von der noch nie jemand zurückgekehrt ist; die Zukunft weit zurück irgendwo in der Erinnerung. Und 12-24, das Datum von Weihnachten, dem Tag, an dem Chow nicht alleine sein will, wird in der innerfilmischen Fiktion zur eiskalten Zone, in der die Reisenden im Zug nach 2046 ihre Körper aneinanderreiben müssen, um sich warm zu halten. – Es ist nur folgerichtig, dass Chow Science Fiction schreibt, die – anders als landläufig angenommen – eben nicht von der Zukunft handelt, sondern in der sich vor allem die Wünsche und Hoffnungen der Vergangenheit spiegeln.

Ich habe 2046 als Double Feature mit In the Mood for Love gesehen, und es sei hier jedem abgeraten, das Gleiche zu tun, denn im direkten Vergleich macht Wongs jüngster Film eine viel schlechtere Figur, als er es verdient hätte. Nicht nur, weil es auch für Wong schwierig ist, sein eigenes Meisterwerk zu übertrumpfen, sondern weil sich die beiden Filme zu ähnlich sind, und weil gerade durch diese Ähnlichkeiten die Unterschiede umso offensichtlicher werden und als Schwachstellen erscheinen: Während In the Mood for Love trotz aller Zersplitterung und Fragmentierung am Ende auf wunderbare Weise doch zu einer Geschlossenheit findet, bleibt 2046 ein, zumindest beim ersten Sehen, kaum entwirrbares Fragment. Und obwohl Chow in 2046 im Off-Kommentar sein eigenes Verhalten und Schreiben immer wieder erklärend kommentiert und der Regisseur auf diese Weise sein eigenes Arbeitsprinzip scheinbar offenlegt, bleibt am Ende vieles unklar. Ist Wong, dieser ständige Beschwörer der Erinnerung, zu sehr von seiner eigenen filmischen Vergangenheit gefangen, oder ist 2046 der nötige Abschluss, mit dem er dieses Kapitel nun endgültig beenden kann, um dann zu einem ganz neuen Film überzugehen?

2046 ist auf jeden Fall ein Film, den man beim ersten Mal noch nicht ganz erfassen kann, der förmlich nach mehrmaligem Anschauen schreit. Es ist deshalb noch zu früh, um sagen zu können, ob der Film nur als Epilog zu In the Mood for Love in die Filmgeschichte eingehen wird, oder ob die beiden Filme wie schon Fallen Angels und Chunking Express im Nachhinein zu einem einzigen Meisterwerk verschmelzen werden; möglich wäre es, die wirkliche Liebe gibt es ja schliesslich auch nur in der Erinnerung.



2046 in der Internet Movie Database.

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