Nach uns die Sintflut – 2012 von Roland Emmerich
Roland Emmerich mag’s, wenn es auf der Leinwand zünftig kracht: So liess er in der Vergangenheit bereits Ausserirdische wüten (Independence Day) und den nordamerikanischen Kontinent einfrieren (The Day After Tomorrow); doch nun geht er wirklich aufs Ganze: In 2012 wird kurzerhand der gesamte Globus in Schutt und Asche gelegt respektive unter Wasser gesetzt. Veränderte Sonnenaktivität führt zu Verschiebungen der Erdkruste, was im Jahre 2012 zu gigantischen Überschwemmungen führt – genau so, wie es der Kalender der Mayas angeblich voraussagt.
Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmasses also, die von Emmerich leinwandgerecht inszeniert wird: Gigantische Erdbeben, aufbrechende Strassen, einstürzende Wolkenkratzer, eine Flutwelle von der Höhe des Himalayas – das Special-Effects-Team hat hier ganze Arbeit geleistet. Auch auf die obligate Zerstörung des Weissen Hauses darf nicht verzichtet werden. Die Pulverisierung des Amtssitzes des US-Präsidenten, der ganz zeitgemäss von einem Schwarzen verkörpert wird, vollzieht sich dieses Mal auf höchst originelle Weise: er wird von dem angeschwemmten Flugzeugträger John F. Kennedy zermalmt.
Das Publikum kriegt also etwas geboten in dem über zweieinhalb Stunden langen Film, und wer 2012 nur als Spektakel konsumiert, kommt definitiv auf seine Kosten. Dummerweise muss ein Film aber noch so etwas wie eine Handlung haben … Wie wir es von Emmerich gewohnt sind, dient die Katastrophe in 2012 primär als pittoresker Hintergrund für die Abenteuer von rund einem halben Dutzend höchst unterschiedlicher Figuren, die am Ende alle irgendwie zusammen finden. Im Zentrum steht dabei der erfolglose Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack), der zufällig erfährt, dass die Regierungen der Welt längst von der bevorstehenden Katastrophe wissen und zumindest für sich und einige zahlungskräftige Privatpersonen vorgesorgt haben. Keine Frage, dass auch Jackson für seine Familie einen Platz auf der rettenden Arche ergattern will.
Eine wichtige Lektion gibt es in 2012 zu lernen: Wenn die Welt untergeht, sollte man sich unbedingt noch ordentlich von seinen Liebsten verabschieden – andernfalls gerät das Weltkarma aus dem Gleichgewicht. Um diese zentrale Botschaft auch deutlich herauszustreichen, wechselt der Film mit schöner Regelmässigkeit zwischen Szenen, in denen eine Hauptfigur der Katastrophe noch im letzten Moment entkommen kann, und solchen, in denen sich Todgeweihte mit tränenerstickter Stimme ihrer ewigen Liebe versichern.
Am Ende dient der aufwendig inszenierte Weltuntergang aber vor allem dazu, den Wert der Familie hochzuhalten. Denn Jackson ist geschieden und von seinen Kindern entfremdet, und eine zünftige Katastrophe ist just das, was der Familientherapeut verordnet hat. Schliesslich schweisst nichts so zusammen wie eine halsbrecherische Autofahrt entlang einer absinkenden Kontinentalplatte oder eine Bruchlandung in den verschneiten Höhen Tibets. Dass unterwegs auch noch der neue Freund der geschiedenen Frau drauf geht, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Denn was am Ende zählt, ist, dass die weisse Musterfamilie mit Vater, Mutter, Tochter und Sohn glücklich wieder vereint ist. Ist das erreicht, kann man über ein paar Milliarden Tote getrost hinwegsehen.
Erschienen in der Basler Zeitung vom 12. November 2009.
2012 in der Internet Movie Database
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