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Eine unerhörte Begebenheit, aber kein Film – 127 Hours von Danny Boyle

Noch ist alles gut.
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Hinab in die Schicksalsspalte
Hinab in die Schicksalsspalte

Es klingt wie eine Urban Legend: Ein etwas zu waghalsiger Kletterer fällt in eine Felsspalte, dabei wird sein Arm von einem Felsbrocken eingeklemmt – er steckt fest. Fünf Tag harrt er in dieser misslichen Lage aus, schliesslich weiss er keinen anderen Ausweg, als sich mit seinem stumpfen Taschenmesser den zerquetschten Arm abzutrennen. Diese haarsträubende Episode hat der damals 28-jährige Aron Ralston 2003 tatsächlich erleiden müssen. Wie es sich gehört, hat er darüber ein Buch geschrieben – mit dem sinnigen Titel Between a Rock and a Hard Place. Danny Boyle hat dieses nun verfilmt.

Filme «based on a true story» sind in Hollywood seit geraumer Zeit en vogue; die Wahrhaftigkeit der Geschichte soll dabei für einen emotionalen Mehrwert sorgen. Freilich gründet dieses Beharren auf Authentizität in einem Irrtum: Kino ist Kunst, ist etwas Gemachtes, ist im besten Fall verdichtete Realität und stellt deshalb Anforderungen an seine Stoffe, die das wahre Leben keineswegs immer erfüllen kann. Dass ein abenteuerliches Erlebnis alleine noch keinen Film macht, zeigt 127 Hours überdeutlich, denn Boyles Film fehlt im Grunde die Geschichte. Was Ralston erlebt hat, ist nicht der Stoff, aus dem Spielfilme gemacht werden. In literarischen Kategorien gesprochen: Nicht ein Roman wird hier erzählt, sondern eine Novelle, denn diese berichtet gemäss Goethe ja von einer «sich ereigneten unerhörten Begebenheit». Auf diese eine Ereignis hin ist die ganze Erzählung ausgerichtet, während ein Spielfilm einen komplexeren dramatischen Bogen beschreibt.

Nun wäre es durchaus eine Herausforderung, die gängigen Plotmuster zu unterlaufen und dem Publikum die Einsamkeit, Langeweile und Verzweiflung Ralstons in einem weitgehend handlungslosen Film nahezubringen. Doyle und sein Drehbuchautor Simon Beaufoy haben sich für das genaue Gegenteil entschieden. Die Angst, das Publikum könne sich langweilen, ist in 127 Hours förmlich mit Händen zu greifen. Der Film dreht von der ersten Einstellung an erbarmungslos auf: Schnelle Schnitte, laute Musik und sogar Splitscreens – Doyle macht Tempo, solange es irgendwie geht. Das passt durchaus zu seiner Hauptfigur (James Franco), die den Canyonlands National Park in Rekordgeschwindigkeit durchqueren will. Ein kurzes Geplänkel mit zwei verirrten jungen Frauen wird noch eingeflochten, dann eilen Film und Protagonist weiter zur schicksalshaften Canyonspalte.

Was geht in einem Menschen vor, der eine derartige Ausnahmesituation erlebt? Wir erfahren es nicht. Auch als sein Protagonist feststeckt, bleibt Boyle an der Oberfläche und fährt mit dem audiovisuellen Bombardement fort: Es gibt Selbstgespräche mit der obligaten Videokamera, Makroaufnahmen aus dem Wasserbehälter, Rückblenden, Fantasiesequenzen und wohl dosierte unappetitliche Schmankerl wie das Trinken des eigenen Urins. Zum Schluss flüchtet sich der Film dann in hemmungslosen Kitsch. Das alles wirkt zunehmend hilflos. Besonders ärgerlich ist der aufdringliche Einsatz der Musik, ein Domäne, in der Doyle in der Vergangenheit geglänzt hat. Aber wenn es nichts zu erzählen gibt, richtet auch der beste Soundtrack wenig aus. Am Ende geht es in 127 Hours eben nur um eines, um die «unerhörte Begebenheit», um die Szene, in der Alston sein blutiges Werk vollzieht.

Das Kino kennt das Phänomen der somatischen Empathie, also die Erscheinung, dass man als Zuschauer einen – in der Regel schmerzlichen – körperlichen Vorgang, den eine Figur auf der Leinwand erleidet, am eigenen Leibe nach- und mitfühlt. Als 127 Hours schliesslich bei seinem End- und Höhepunkt ankommt, wird dieser Effekt nach allen Regeln der Kunst ausgereizt. Wenn Alston in seinem blutenden Arm rumpuhlt, eine Sehne durchtrennt und sich zum Schluss zwei Knochen bricht, leidet und windet man sich als Zuschauer mit. Dass Doyle was kann, steht ausser Frage. Seine Virtuosität hatte allerdings schon immer etwas Selbstverliebtes. Im besten Fall – bei Trainspotting – fügten sich der formale Eklektizismus und die erzählte Geschichte nahtlos zusammen. Oft scheint das Eine aber nur ein Vorwand fürs Andere zu sein. Das war im Grunde auch bei seinem letzten Film so, dem oscargekrönten Slumdog Millionaire, tritt in 127 Hours aber noch deutlicher zutage.

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Februar 2011.

127 Hours in der Internet Movie Database.

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